Alien: Covenant (2017)

Zwischen Nostalgie und kreativer Bankrotterklärung

2104. Das Raumschiff Covenant tuckert durchs Weltraum. Die vierzehnköpfige Crew hat eine Mission: Sie soll den Planeten Origae-6 kolonisieren. Mit dabei sind 2000 Menschen und 1000 Embryos in Kältestarre. Eine Schockwelle beschädigt das Schiff, weckt die Besatzung aus dem »Hyperschlaf« und tötet den Captain Jacob Branson (nicht mehr als ein Cameo: James Franco). Kurz darauf fängt das Schiff einen seltsamen Hilferuf ab. Der neue Captain Chris Oram (Billy Crudup) beschliesst, dem Ruf zu folgen – trotz vehementem Widerspruch von Janet Daniels (Katherine Waterston), der Witwe Bransons. So nimmt die Covenant Kurs auf einen unbekannten Planeten, der zwar eine Atmosphäre hat, aber auf dem alles Leben ausgestorben scheint. Bald schon entdeckt die Besatzung, weshalb dem so ist. Und die Antwort ist nicht angenehm.

Alien: Covenant (2017) ist so ein Film, der schlicht und ergreifend nicht sein muss. Schon mit seinem Prequel Prometheus (2012) hat Ridley Scott das Alien-Franchise ins Abseits gespielt: Zu grossspurig, zu konfus und verkrampft war der Streifen, der das Universum um »das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt« wiederbeleben sollte. Der vorliegende Film ist redlich darum bemüht, den Pomp wieder zurück zu fahren und sich an den Tugenden des Klassikers Alien (1979) zu orientieren.

Das ist gar nicht mal so schlecht gelungen; teilweise nimmt sich Alien: Covenant fast wie ein Remake des Ur-Filmes aus. Es geht um eine bodenständige Besatzung, die sich in einer widrigen Situation wiederfindet und plötzlich um ihr Leben bangen muss. Das Ganze wirkt aber leider wie ein Aufguss von Althergebrachtem. Scott flüchtet in alte Muster, wirft den Zuschauern vertraute Themen hin. Obwohl Prometheus grandios missglückt ist; wenigstens versuchte der Film, neue Wege zu beschreiten. Alien: Covenant wirkt dagegen von A bis Z wie Fanservice.

Der Einstieg ist zäh. Einmal mehr beginnt der Film mit pseudo-philosophischem Gelaber. Danach wird das Intro von Alien 1979 nachgespielt. Die alte Leier, das Aufwachen aus dem Hyperschlaf, das Entdecken eines Notsignals, und und und … Leider trägt Scott diese Plotpoints gar konventionell vor. Die Kamera agiert zwar routiniert, aber niemals mit der kunstvollen Klasse des Originals. Überhaupt vermisst man eine erkennbare Handschrift. Stil und Geschichte wirken seriös, aber berechenbar. Das ist schade, hätte die Prämisse doch viel hergegeben! Die Idee, aus der Besatzung Pärchen und somit potentielle Eltern zu machen, die Schritt für Schritt auseinander gerissen werden, ist auf dem Papier solide. Auf der Leinwand wirkt das alles leidenschaftslos herunter gespult.

Schauspielerisch dominiert Michael Fassbender (Prometheus, Shame), der die beiden Androiden Walter und David verkörpert. Er bleibt dabei stets undurchschaubar und gruselig. Im Grunde sind Walter und David die einzigen Figuren mit echtem Profil – sieht man von Katherine Waterston (Inherent Vice) ab, die in die Fussstapfen Sigourney Weavers treten muss. Und das überraschend gut macht! Eine beherzte Performance. Ansonsten ist die Crew Kanonenfutter, das entsprechend dämlich agiert. Im Finale steigert sich Alien: Covenant zu einem veritablen Actionfilm, der durchaus Spass macht. Leider bleibt das Alien selbst dabei blass, verkommt neben all der Backstory fast zu einer Nebenfigur.

Atmosphärischen Horror bekommt man kaum geboten. Dafür verschüttet Scott ordentlich Blut. Für eine Handvoll Schreckmomente reicht das, rüttelt aber nie richtig durch. Ernüchtert stellt man fest: Vorbei sind die Tage, an denen das Alien wirklich furchteinflössend war. Dariusz Wolskis Kamera fängt einige coole Setpieces ein, aber von der hohen Kunst sind diese Bilder weit entfernt. Einige Schnitte wirken holprig.

Dass sich Alien: Covenant an seinen Wurzeln orientiert, ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits macht es einen unterhaltsamen, teils nostalgischen Film. Andererseits ist es eine kreative Bankrotterklärung; es lässt das Alien im Mainstream versumpfen. Traurig aber wahr: Es ist höchste Zeit, dass Ridley Scott dem Alien den Rücken kehrt. Jüngere und wildere Regisseure müssen sich nun an dieses Universum wagen. Ansonsten wird es in der Belanglosigkeit versinken. Wenn das nicht bereits geschehen ist.

4/10

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Arrival (2016)

»Du Alien, ich Linguistin.«

Dr. Louise Banks (Amy Adams) ist eine der besten Übersetzerinnen der Welt. Als eines Tages zwölf seltsame Raumschiffe auf der Erde landen, sind ihre Künste gefragt. Colonel Weber (Forest Whitaker) vom US-amerikanischen Militär gibt ihr den Auftrag, die Sprache der Aliens zu interpretieren. Banks soll herausfinden, warum sie auf der Erde gelandet sind. Und was sie hier wollen. Schritt für Schritt entschlüsselt Dr. Banks die ihr unbekannte Sprache. Aber bald schlittert sie in einen Konflikt: Gemeinsam mit dem Physiker Ian Donnelly (Jeremy Renner) muss sie die Regierung vor gefährlichen Fehlinterpretationen abhalten.

Denis Villeneuves Arrival (2016) ist ein Fest für Auge, Gefühl und Verstand. Von der ersten düsteren Einstellung an, begleitet von Max Richters würdevoll traurigem Stück On the Nature of Daylight, fesselt dieser Film – und lässt bis zur letzten Sekunde nicht los. Der Regisseur charakterisiert seine Hauptfigur mit einfachen und effektiven Kunstgriffen. Etwa, wenn er Dr. Banks in der leeren Mensa der Universität zeigt, scheinbar unberührt vom Besuch der Aliens. Der Film schreitet gemächlich, aber konsequent voran.

Die erste halbe Stunde ist ein Meisterstück des Spannungskinos. Mit langen, schwebenden Einstellungen bereitet uns Villeneuve auf die fremdartigen Aliens vor. So lange lässt er uns zappeln, bis wir am Schluss beinahe mit der Nasenspitze den Bildschirm berühren. In diesen Momenten ist Arrival subtiler Psycho-Horror, tausendfach verstärkt durch Jóhann Jóhannssons experimentellen und atmosphärischen Soundtrack. Nach unserer Bekanntschaft mit den Aliens wird überdeutlich, dass wir es hier nicht mit simpel gestricktem »Alien Invasion«-Trash zu tun haben. Das Drehbuch zeigt seine intellektuellen Seiten und fordert vom Zuschauer aktives Mitdenken. Man merkt: Das Skript will sich ernsthaft mit linguistischen Fragen beschäftigen, tut dies aber, ohne die Figuren ausser Acht zu lassen. Und er tut es ohne Besserwisserei. Das ist eine echte Wohltat.

Zugegeben: Manchmal überstrapaziert Villeneuve das Klischee der hübschen unschuldigen Auserwählten, die sich auf die Seite einer missverstandenen Spezies schlägt und das Militär eines Besseren belehrt. Aber das steht dem Sehgenuss kaum im Wege, was vor allem der herausragenden Amy Adams zu verdanken ist. Sie verleiht der Hauptfigur wahnsinnig viel Tiefe und Würde. Schwerer wiegt das eigentliche Finale, das auf der Handlungsebene arg konstruiert und naiv scheint. Die emotionale Schlusspointe ist indes derart durchschlagskräftig, dass sie eine ganze Taschentuchbox zu verschlingen droht.

Wer sich an wirklich intelligenter Science-Fiction erfreuen will, tut sich mit Arrival einen grossen Gefallen. Endlich mal wieder ein kunstvoller und kluger Genrevertreter, der sich nicht mit pseudophilosophischer Augenwischerei zufrieden gibt! Nach der Sichtung dieses Streifens ist sonnenklar, weshalb man Denis Villeneuve für Blade Runner 2049 verpflichtet hat.

9/10

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Molly’s Game (2017)

Selten war Poker so öde

Mit Herzblut hat Molly Bloom (Jessica Chastain) auf diesen einen Moment hin gearbeitet: Auf der Buckelpiste will sie ihr Ticket für die Olympischen Winterspiele erkämpfen. Doch es kommt ganz anders. Molly verletzt sich bei einem Sprung so stark, dass sie ihre Karriere als Sportlerin aufgeben muss. Bevor sie ihr Studium in Recht beginnt, nimmt sie ein Jahr Auszeit in Los Angeles. Per Zufall rutscht sie in die Pokerszene. Molly erkennt: Reiche und berühmte Männer sind wie besessen von diesem Spiel, bei dem es um den Kick und die grosse Kohle geht. Sie weiss ihren Verstand und ihr Äusseres zu nutzen, Kapital aus der Sucht der Mächtigen zu schlagen. Und dabei ist Molly so erfolgreich, dass sie bald ins Blickfeld des FBI gerät.

Mit Molly’s Game (2017) versucht sich der scharfzüngige Drehbuchautor Aaron Sorkin (The Social Network) zum ersten Mal auch als Regisseur. Das Resultat – eine auf Tatsachen beruhende Biographie – ernüchtert. Schon bei der atemlose Montage zu Beginn des Filmes, die in Mollys Kindheit einführen soll, übernimmt sich Sorkin. Es wirkt, als wolle er auf Biegen und Brechen »filmisch« wirken. Aber nicht einmal mit diesem bemühten Schnittgewitter kann Sorkin davon ablenken, dass er stets dem gesprochenen Wort verhaftet bleibt. Molly Bloom muss alles, aber auch wirklich alles, per Voice-Over kommentieren. Das ist billig. Und nach dreissig Minuten ermüdetet es nur noch. Zumal unsere Hauptfigur eine arrogante Besserwisserin ist, deren Charisma sich in Grenzen hält.

Als Zuschauer muss sich wirklich fragen, weshalb man sich um das Schicksal Molly Blooms scheren sollte. Sie ist redegewandt und hübsch, okay. Aber sonst? Nicht viel. Wir erfahren, dass Molly unter ihrem strengen Vater litt. Sorkins Skript dampft ihren Charakter auf diesen Vaterkomplex zusammen. Das ist weder originell noch mitreissend. Während der ganzen 140 Minuten macht Molly so gut wie keine Entwicklung, so gut wie keinen Konflikt durch. Eher durch Zufall schwingt sie sich zur Organisatorin von High-Stakes-Pokerrunden auf. Und warum? Sorkin kann es nicht lassen, uns auch dies pfannenfertig zu erklären: Molly wollte Macht über mächtige Männer ausüben, um das Trauma mit ihrem Vater zu überwinden. Viel mehr als Psychologie für Dummies ist das nicht.

Einen tiefer greifenden Subtext lässt sich in Molly’s Game mit dem besten Willen nicht ausmachen. Wäre der Film wenigstens spannend! Das Milieu der Pokerspieler ist erschreckend blutleer. Selten war Poker so öde. Die Spieler bleiben allesamt Statisten – und der Thrill des Spiels eine blosse Behauptung. Und immer wieder ist da Mollys Voice-Over, das uns Spielzüge, Charaktere und Gemütslagen erklärt. Das will ich nicht erläutert bekommen. Ich will es sehen! Und Molly selbst, sie macht im Grunde nicht viel. Während die Männer zocken, sitzt sie an einem Nebentisch, zählt Geld und googelt ein bisschen herum. Was für eine Heldin … Der Film scheitert daran, Molly zu einer Identifikationsfigur zu machen.

An kaum einer Stelle hat Sorkin den Mut, die Bilder für sich sprechen zu lassen. Entsprechend uninspiriert ist die Kamera. Alles muss im Mono- oder Dialog abgehandelt sein. Sorkins Drehuch ist zwar gewohnt clever, schafft es aber nicht, Gefühle zu wecken. Nur zwei Szenen holen emotional ab. Wenn sich Molly zum ersten Mal seit Jahren mit ihrem Vater ausspricht, ist das berührend. Und wenn Mollys Anwalt Charlie Jaffey (Idris Elba) vor dem Staatsanwalt völlig austickt, klebt man ihm an den Lippen. Aber nach Jaffeys Tirade fragt man sich dann doch: »Alter, weshalb geht dir diese Frau so nahe?«

Molly’s Game zeigt eindrücklich, dass ein wortgewandtes Skript noch keinen Film macht. Was uns Sorkin hier bietet, ist eher eine Aneinanderreihung von Lebensszenen als eine Geschichte. Wer immer Molly Bloom ist: Nach der Sichtung dieses Films, fällt es schwer, sie zu mögen.

3/10

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Star Wars: Episode V – The Empire Strikes Back (1980)

Wenn Vader und Skywalker die Laserklingen kreuzen

Nachdem sie dem Imperium eine Niederlage beigebracht haben, verstecken sich die Rebellen auf einem Eisplaneten. Dort werden Luke Skywalker (Mark Hamill) und Freunde jedoch bald aufgespürt. Ein erbitterter Kampf entbrennt, die Rebellen müssen fliehen. Nach einer Bruchlandung begegnet Luke dem weisen Lehrmeister Yoda (Stimme: Frank Oz). Prinzessin Leia (Carrie Fisher) und Han Solo (Harrison Ford) finden Unterschlupf auf dem Gasplaneten Bespin. Doch die Ruhe ist nicht von Dauer. Der ruchlose General Darth Vader (Stimme: James Earl Jones) ist ihnen bereits auf den Fersen. Mittlerweile weiss auch Luke, wo seine Freunde sich aufhalten. Er eilt zu ihnen, nicht wissend, dass eine schockierende Enthüllung auf ihn wartet.

Star Wars, ich bin zurück! Der erste Teil der ursprünglichen Trilogie hat mich zwar ernüchtert zurück gelassen, aber so schnell lass ich nicht locker. Irgendwas muss doch dran sein an all dem Hype. Und tatsächlich: The Empire Strikes Back (1980) ist wesentlich unterhaltsamer als sein Vorgänger, runder und auch düsterer. Diese Erkenntnis musste ich mir allerdings hart erarbeiten. Denn die erste Hälfte des Filmes zieht sich zäh dahin. Warum wir so viel Zeit auf dem unwirtlichen Eisplaneten Hoth verbringen müssen, wissen wohl nur die Drehbuchautoren. Sieht man von einer ermüdenden und sinnlosen Rettungsaktion im Schneesturm ab, geschieht hier nicht viel.

Der sich anschliessende Luftkampf zwischen Rebellen und Imperium vermag ebenfalls nicht mitzureissen. Zu hektisch und klobig das Ganze. Danach verschlägt es Luke auf den Sumpfplaneten Dagobah, wo ihm der Jedi-Meister Yoda reichlich öde Exposition verfüttert. Achja, und den Umgang mit der Macht lernt Luke auch gleich. Nichts gegen ruhige Momente, aber den Part hätte man gut straffen können. Der Mehrwert hält sich in Grenzen. Auch wenn Yoda ganz putzig anzusehen ist, macht er nicht viel mehr, als pflichtbewusst das Stereotyp des schrulligen Lehrmeisters auszufüllen. Nicht gerade aufregend, dieser Selbstfindungstrip auf Dagobah.

Dafür geht gleich danach die Post ab. Darth Vader besucht die Wolkenstadt, auf der Han und Leia gestrandet sind. Er verscherbelt Han an einen Kopfgeldjäger und will Leia als Lockvogel für Luke benutzen. Und siehe da, es funktioniert: Luke hat (praktischerweise für den Plot) eine Vision von der Wolkenstadt und macht sich auf, seine Mitstreiter zu retten. Es folgt solide Action in Form von Schiessereien und Laserschwert-Gefuchtel. Wenn Darth Vader und Luke Skywalker die Klingen kreuzen, dann ist das schon mitreissend. Die ikonische Schlusspointe des Filmes ist effektiv, aber auch nicht mehr. Sie passt zur gar simplen Geschichte, die hektisch von Set Piece zu Set Piece springt. Das Gerede über »Macht« und »Schicksal« sind leicht als leere Worthülsen zu entlarven, die dem Geschehen Tiefe verleihen sollen – was nur bedingt gelingt.

Denn letztlich ist auch The Empire Strikes Back Popcorn-Kino, das leidlich zu unterhalten weiss. Grösster Hingucker sind einmal mehr die Spezialeffekte: Sie sind beeindruckend. Schade nur, dass viele der gezeigten Planeten nicht viel mehr als eine Kulisse sind. Schade auch, dass man als Zuschauer noch immer denkbar wenig über die Ambitionen des Imperiums weiss. Der Humor ist zwar zeitlos, aber teilweise schmerzhaft kindisch angelegt. Der Niedlichkeits-Effekt des fluffigen Chewbacca und der beiden Roboter C-3PO und R2-D2 hat sich schon im zweiten Teil der Filmreihe abgenutzt.

Alles in allem ist The Empire Strikes Back ein reiferer Film als sein Vorgänger. Er lässt den Zwischentönen, die Star Wars (1977) nur angedeutet hat, deutlich mehr Raum. Ins Herz schliessen kann ich den Streifen trotzdem nicht. Zu durchschaubar hakt er seine Plot Points ab, immer noch zu nahe ist er am Kalkül gebaut. Auch Unterhaltungskino sollte eine gewisse Freiheit und Offenheit atmen. Das tut der zweite Star-Wars-Teil nicht.

6/10

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Hereditary (2018)

Horror mit dem flauschigen Holzhammer

Die vorliegende Rezension enthält leichte Spoiler.

Als die alte Dame Ellen Taper Leigh stirbt, kann sich ihre Tochter – die Künstlerin Annie Graham (Toni Collette) – kaum zur Trauer durchringen. Anders Ellens Enkelin, die verschwiegene und mysteriöse Charlie (Milly Shapiro): Nach Ellens Tod ist sie bestürzt. Eines abends will Charlies Bruder Peter (Alex Wolff) auf eine Party fahren. Annie zwingt Peter, seine Schwester mitzunehmen. Das hätte sie lieber nicht getan. Denn noch in der gleichen Nacht droht schrecklicher Vorfall die Familie zu zerreissen. Aber für die Grahams hat der Albtraum erst begonnen.

Hereditary (2018) hat den europäischen Kontinent mit einigen Vorschusslorbeeren erreicht. Die US-amerikanischen Kritiker versprachen uns einen selten aufwühlenden Horrorfilm. Es ist nicht das erste Mal, dass ein Grusler völlig ungerechtfertig übers Klee gelobt wird. Allerdings: Wer die Nerven hat, diesen Streifen ernstlich auf dieselbe Stufe wie The Exorcist zu stellen[1], war entweder bei der Sichtung beduselt, oder aber hat schlichtweg zu wenig Horrorfilme gesehen. »Originell« und »furchterregend« soll dieses Werk von Ari Aster sein. Da kann ich nur den Kopf schütteln: Hereditary ist bestenfalls solide – und schlimmstenfalls aufpolierter Trash.

Nur schon ein Blick auf das vergangene Jahr zeigt uns (mindestens) zwei Filme aus den USA, die Hereditary in Sachen Innovation und Horror locker in die Tonne treten. Ich denke da an Darren Arnofskys mother! und an Yorgos Lanthimos’ The Killing of a Sacred Deer. Beide Filme beleuchten familiäre Beziehungen, beide bringen Schockierendes aus den vertrauten vier Wänden zutage – und tun dies mit künstlerischer Integrität. Weshalb nun ein Jahr später der durch und durch mittelmässige Familiengrusel Hereditary dermassen abgefeiert wird (teilweise gar als »Meisterwerk«), ist mehr als unverständlich.

Das mag daran liegen, dass Aster zwar an der amerikanischen Kernfamilie kratzt, sie aber nicht ganz aufbricht. Dass er zwar eine emotionale Krise skizziert, diese aber nicht konsequent porträtiert. Wie der Titel andeutet, geht es um einen vererbten Fluch, aus dem es kein Entkommen gibt. »Das Schicksal der Familie ist unüberwindlich« – diese Aussage hätte zu nervenaufreibenden Spannungen führen können; nur leider macht das Drehbuch aus diesem Schicksal etwas eindimensional Übernatürliches. Je länger der Film andauert, desto dumpfer wird das gesellschaftspolitische Umfeld. Und entsprechend platt fällt der Grusel aus.

Viel hätte man aus den familiären Konflikten machen können. Die stärksten Szenen zeigen eine Familie, die im Begriff ist, sich gegenseitig aufzufressen. Aber das führt zu nichts: Denn letztlich delegiert der Regisseur den Horror an das Dämonische. Das kann gelingen; hier ist es grandios missglückt. Denn es fühlt sich an wie ein einfacher und billiger Ausweg. »Tja, das Übernatürliche ist schuld.« Klar: Die übernatürliche Ebene kann wiederum auf das Reale verweisen. Bestimmt hat Aster das auch so angedacht. Aber die gewählte Symbolik ist teils zu matschig, teils zu direkt, um hier wirklich Geistreiches zutage zu fördern.

Trotz Arthouse-Verrenkungen: Der Regisseur fällt immer wieder zurück in die müden Klischees des »Haunted House«. Darüber können clevere Schnitte und Einstellungen nicht hinwegtäuschen. Die Geschichte ist plump, gegen Ende fällt sie geradezu ins unfreiwillig Komische. Viele Szenen sind hoffnungslos überzogen, fast dämlich. (Ich war nicht der einzige Zuschauer, der im Kinosaal das Lachen zurückhalten musste.) Das passt nicht so recht zum Stil des Filmes passen, der etwas Bitter-Ernstes und Tiefgründiges verspricht.

Alles ist nicht schlecht an Hereditary. Toni Collette als Annie liefert eine intensive, wenn auch manchmal übereifrige Performance. Wer immer Milly Shapiro als enigmatisches Töchterchen Charlie gecastet hat, verdient einen anerkennenden Schulterklopfer. Das grosse Horror-Highlight – die nächtliche Autofahrt mit brutalem Unfall – ist ein schockierender Nadelstich. Aber sonst? Nicht viel. Einige visuelle Hingucker gibt es noch, aber alles im überschaubaren Rahmen. Die Kamera-Arbeit ist konventioneller, als uns einzelne Einstellungen weismachen wollen.

Na gut. Hereditary ist also nicht so revolutionär und originell, wie es der Hype versprach. Das wäre ja zu verkraften. Wenn er doch wenigstens Angst und Schrecken verbreitete! Und genau hier liegt der Hund begraben: Dieser Film ist nicht gruselig. Er ermüdet mit Versprechen, die er allesamt nicht einlösen kann. Und er arbeitet mit plumpen Tricks – auch wenn er gerne subtil und tiefsinnig wäre. Holzhammer bleibt Holzhammer, auch wenn man Watte drum wickelt. Bei seinem ersten Spielfilm hätte sich Herr Aster ein bisschen weniger vornehmen müssen. Aber was weiss ich schon? Publikum und Kritik geben mir Unrecht.

5/10

[1] Rothkopf, Joshua: Hereditary. In: TimeOut New York. Online unter: https://www.timeout.com/us/film/hereditary. Zuletzt abgerufen am 15. Oktober 2018.

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The Cured (2017)

Klassentreffen der Ex-Zombies

Die irische Indie-Produktion The Cured will das ermüdete Zombie-Genre aufwecken. Ob das gelungen ist, erfahrt ihr in meiner Outnow-Rezension.

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The Bookshop (2017)

Ein Buch ist ein Buch ist ein Buch ist ein Buch

1959, England. Die Witwe Florence Green (Emily Mortimer) hat einen Traum: Sie will in der lauschigen Stadt Hardborough einen Buchladen eröffnen. Das freut nicht alle. Besonders die reiche Dame Violet Gamart (Patricia Clarkson) nimmt Anstoss an Florences Plänen. Gamart hat sich nämlich in den Kopf gesetzt, im alten Haus ein Kunstzentrum zu eröffnen. Sie lässt ihren Einfluss spielen, bis sich die ganze Stadt gegen den Buchladen verschworen hat. Florence kann lediglich auf die Unterstützung ihrer jungen Angestellten Christine (Honor Kneafsey) zählen. Und auf den Rat des schrulligen Bücherwurms Edmund Brundish (Bill Nighy). Doch reicht das, um gegen die gesellschaftliche und politische Intrige zu bestehen?

Schon der Trailer zu The Bookshop (2017) lässt Übles erahnen: bemühte Streicher säuseln ein stereotyp »gefühlvolles« Stück, und Bill Nighy lässt pathetische Lebensweisheiten vom Stapel. Kitsch wohin das Auge reicht, so scheint es. Leider ist das Resultat fast noch schlimmer, als der Trailer erahnen lässt. Ein bisschen Kitsch hat noch niemandem geschadet. Aber langweiliger Kitsch? Hilfe! The Bookshop krankt vor allem an einer unglaublich öden Prämisse, die von Nahem besehen noch nicht einmal viel Sinn ergibt. Die böse Violet Gamart ist also gegen Florences Buchladen. Sie will ein Kunstzentrum einrichten. Okay? Weshalb ausgerechnet dort? Es gibt auch noch andere Grundstücke, wie der Film sogar selbst klarstellt. Gibt es einen Grund, weshalb Gamart nicht dort ihr Kunstzentrum aufbaut? Nö. Jedenfalls nennt das Drehbuch keinen. So müssen wir davon ausgehen, dass Gamart eine böse Hexe ist. Einfach nur so, weil es ihr Spass macht. Öhhh. Sorgfältige Charakterzeichnung sieht anders aus.

Die Hauptfigur Florence ist nur unwesentlich tiefgründiger. Von ihr wissen wir, dass ihr Mann tot ist. Und ach ja: Sie liest gerne. Das ist alles. Dann gibt es da noch den blasierten Lebemann Milo North (James Lance), der so ziellos herum chargiert, dass es beinahe weh tun. Am liebsten würde man ihn durchschütteln und anschreien: »Alter, was ist los mit dir?« Auch die junge Schülerin Christine, die Florence zur Hand geht, scheint nur eine einzige Aufgabe zu haben: möglichst niedlich auszuschauen. Wenn es einen Preis für die undurchsichtigsten Motive von Filmcharakteren gäbe, wäre The Bookshop weit vorne mit dabei. Na gut, lassen wir kurz Fairness walten. Kann ja sein, dass die Regisseurin Isabel Coixet (My Life Without Me) das absichtlich so inszeniert hat. Dass sie die Gefühle der Dörfler absichtlich verschlossen hat. Eine Montage gegen Schluss des Filmes lässt diese Interpretation zu. Sie lässt die Bösen allesamt kurz und mysteriös in die Kamera blicken. Hmm. Nein, ganz ehrlich: Auch das wirkt eher läppisch.

Der Film ist genau das, was er zu sein scheint: Die angestaubte Geschichte einer sensiblen Frau, die von der Gesellschaft verstossen wird. Diesem Topos lässt sich durchaus etwas abgewinnen. (Man denke an den diesjährigen Oscar-Gewinner The Shape of Water.) Aber nicht, wenn es so plump und bemüht daher kommt. Da hilft auch die Romantisierung des guten alten Buches nichts. Das Motiv des Buchladens macht nur noch deutlicher, dass wir es hier mit einem hoffnungslos rückwärts gewandten Werk zu tun haben, das stilistisch nichts wagt und ein Drama ohne echte Dornen bietet. Kaum eine Einstellung sticht hervor, die Inszenierung ist bieder und eigenschaftslos. Einzig Bill Nighy hinterlässt einen Eindruck, da er zumindest ansatzweise etwas Tiefe in die Geschichte bringt. Aber letztlich bedient auch er ein Klischee: das des eigenbrötlerischen Intellektuellen.

Manchmal lässt The Bookshop Gefühle erahnen. Etwa dann, wenn sich Florence und Edmund Brundish zärtlich näher kommen. Aber diese Szenen bleiben hohl, da das Drehbuch von Coixet schlicht zu schwach und konstruiert ist. Diese Schwächen kann sie auch mit ihrer Regie nicht verbergen. Im Gegenteil: Die Makel werden noch auffallender. Es ist echt verwunderlich, wie ungelenk Coixet zu Werke geht. Viele Szenen sind holprig und schwammig. Man versteht gar nicht, worauf sie hinaus wollen. Wieder andere Szenen sind mechanisch auf eine bestimmte Information ausgelegt. Ganz zu Beginn, wenn Florence mit einem ruppigen Fischer plaudert, scheint es, als leuchteten auf dem Bildschirm die Lettern: »Achtung, Exposition!« Das ist einfach nur billig. Da hilft auch das grimmige und konsequente Ende nicht. Damit das funktionierte, müsste man sich erst für die Figuren interessieren.

The Bookshop ist ein peinlicher Reinfall: spiessig, banal und nichts sagend. Bücher allein machen eben nicht klug.

3/10

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