Intolerance (1916)

Wenn das Detail die Vision übertrumpft

Kyros II. erobert das antike Babylon; Jesus von Nazareth wird verraten und gekreuzigt; König Karl IX. beschliesst im Frankreich des 16. Jahrhunderts die Verfolgung der Hugenotten; und ein junges Paar im modernen Amerika wird Opfer des ungerechten Justizapparats. Vier Handlungsebenen, drei Stunden, ein Mammutprojekt – das ist der Film Intolerance von David Wark Griffith, der 1916 Premiere feierte.

David Wark Griffith ist ein kontroverser Regisseur. Sein Stummfilm The Birth of a Nation (1915) erschloss damals neue Gefilde in der Filmtechnik, hat aber eine rechtsradikale Schlagseite. Da ist sein Nachfolgewerk Intolerance wesentlich verdaulicher. Intolerance ist ein grossspuriger Thesenfilm, dessen Inhalt sich schon an der Titelei ablesen lässt. Es geht um Love’s Struggle Throughout the Ages, also um das Ringen der Liebe gegen die Intoleranz; ein Kampf, der angeblich seit Jahrtausenden bestritten werde. Nach den Rassismus von vor einem Jahr nun also Pseudo-Pazifismus. Das überzeugt nur bedingt. Letztlich scheint Griffith jedes Thema recht zu sein.

Immerhin mangelt es Griffith nicht an Selbstvertrauen, spannt er doch einen riesigen Zeitbogen auf und verpflichtet eine stolze Schauspielerriege. (Ich zähle 36 Darsteller, die unzählbaren Statisten exklusive.) Die Spannungskurve leidet mitunter an den überladenen Handlungssträngen, zumal sie nicht alle nötig sind. Die Geschichte um Jesus ist eher Hintergrundrauschen, liefert manchmal eine bedeutungsschwangere Allegorie, damit hat sich’s dann aber auch. Und die Geschichte um Karl IX. bleibt völlig blass, hat nichts Essentielles zu den Hauptmotiven des Filmes beizutragen.

Bleiben also die zeitgenössische Geschichte um eine junge US-amerikanische Frau und die Geschichte um den Fall Babylons. Beide Segmente sind herausragend, atemberaubend. Das sind sie nicht ihres Inhalts wegen – die Intention des Filmes ist schnell durchschaut, die Botschaft von Griffith ist so abstrakt wie platt. Das wundert nicht, ist sie doch mit der grössten Kelle aller Zeiten angerührt. Ja, es gibt Ungerechtigkeit auf der Welt. Ja, die Liebe hat es schwer. Das wussten wir alles schon vorher. Auch die Parallelisierung der Handlungsebenen ist nur selten erhellend.

Technik und Ästhetik sind es, die in diesem Film bestechen. Der Babylon-Teil punktet mit purem Bombast. Griffith bewegt die Kamera durch ein gigantisches Set. Es gibt Massenszenen, so weit das Auge reicht. Feierlichkeiten sind ausschweifend grell dargestellt, das Harem des Königs erscheint düster und intim. Und die Schlachten sind grosses Kino, da rollen erbarmungslos Köpfe. Griffith beherrscht diverse Stil- und Gefühlsebenen.

Besonders deutlich wird das im zeitgenössischen Teil, der von allen Geschichten am ausgefeiltesten ist. Erstaunlich, wie es Griffith hier gelingt, die Innensicht seiner Hauptfiguren mit filmischen Mitteln darzustellen. Etwa dann, wenn er die trauernde Mutter (gespielt von einer jungen Mae Marsh) vor dunklen Holzmöbeln abbildet, die ihr helles Haar beinahe ersticken. Erbarmungswürdig klein erscheint Marshs Gesicht am unteren Bildrand, die dominierenden Balken der Möbel weisen auf die dunklen Sorgen der Protagonistin hin.

Direkter, aber nicht weniger effektiv ist die Aufnahme der Schauspielerin Miriam Cooper, wie ihr eine einsame Träne über die Wange kullert – grandios ausgelichtet. Wunderbar die Einstellung, bei der Marsh immer näher zur Kamera rückt und sich dabei visuell auflöst. Das alles ist stilistisch so meisterhaft und detailliert, dass man den hochtrabenden Rahmen mitunter vergisst. Schön ist auch das Bild, das beim Wechsel zwischen den verschiedenen Strängen immer wieder wie ein Merkstein auftaucht: Eine Mutter (Lillian Gish), die ihr Kind in einer Wiege schaukelt. Ein Symbol des Schicksals, das vielleicht etwas zu oft auftaucht.

Griffiths Schnitttechnik ist bemerkenswert. Manchmal unterbricht er Texttafeln mit Bildern, die symbolisch für einzelne Wörter einstehen. Die finale Verfolgungsjagd in der Neuzeit ist spektakulär. Der flotte Schnitt hält bei Stange, da fiebert man bis zur allerletzten Sekunde mit. Sicherlich wäre es auch lohnenswert, das Frauenbild in Intolerance genauer unter die Lupe zu nehmen. Griffith speist uns mit einigen schlimmen Vorurteilen ab, aber das „Bergmädchen“ aus dem Babylon-Teil ist eine frühe weibliche Heldin, die selbstständig für einen Mann kämpft, der ihr unerreichbar bleiben muss.

In diesem Werk sind zwei gegenläufige Tendenzen am Werk. Einerseits greift Griffith nach den grossen Symbolen. Dabei gehen die einzelnen Figuren im Räderwerk des Schicksals fast unter. (Das zeigt sich daran, dass das Skript einzig historischen Persönlichkeiten einen Namen gönnt. Gewöhnliche Figuren müssen sich mit Bezeichnungen wie „The Dear One“ oder „The Mountain Girl“ begnügen.) Andererseits sind Einzelszenen verblüffend individuell. Sie brechen aus dem allumspannenden Schema aus, was wohltuend ist – und dem Film letztlich seinen besonderen Charakter verleiht.

Intolerance hat seinen Platz in der Filmgeschichte verdient. Der Plot ist überanstrengt pompös, aber die filmische Vision besticht – im Grossen wie im Kleinen. Gerade was die individuellen Details betrifft, hat Griffith Einzigartiges geleistet. An diesen reichhaltigen drei Stunden Film kommt kein Fan des Mediums vorbei, auch wenn sie alles andere als makellos sind.

8/10

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Frau im Mond (1929)

Die Mutter aller Weltraum-Blockbuster

Professor Manfeldt (Klaus Pohl) glaubt, dass sich auf der Schattenseite des Mondes Berge von Gold häufen. Mit seiner Theorie erntet er nur Spott bei seinen Kollegen. Sein Schüler Helius (Willy Fritsch) steht kurz davor, mit einer Rakete auf den Mond zu fliegen. Er will die Ehre seines Lehrers wiederherstellen. Eine Gesellschaft raffgieriger Unternehmer bekommt Wind davon – und schmiedet einen Plan, um sich das Mondgold unter den Nagel zu reissen. Die bösen Kapitalisten setzen den gerissenen Ganoven Turner (Fritz Rasp) auf Helius an. Mit fiesen Tricks schafft es Turner, den Tüftler Helius zu erpressen. Helius muss für die Unternehmer eine Mondreise planen. Dabei kann er auf die Unterstützung seines Kollegen Windegger (Gustav von Wangenheim) zählen. Und auch Windeggers Ehefrau Friede (Gerda Maurus) besteht darauf, mit zum Mond zu fliegen. Das macht die Sache nur noch komplizierter. Denn Helius ist heimlich in die hübsche Blondine verliebt …

Fritz Langs Frau im Mond (1929) ist ein früher Sci-Fi-Blockbuster aus Deutschland. Verglichen mit Langs dystopischem Meisterwerk Metropolis (1926) wirkt Frau im Mond fast naiv fortschrittsgläubig. Der Film bietet uns ein optimistisches und unterhaltsames Spektakel, vergleichbar mit Georges Méliès’ Über-Klassiker Le Voyage dans la Lune (1902), der vormachte, wie man dem Phantastischen zelebriert. Hier ist nur alles ein bisschen grösser, länger und bombastischer – fast drei Stunden dauert die epochale Reise zum Mond. Dabei nimmt Lang einige Konventionen des Science-Fiction-Abenteuers vorweg. Der verrückte Wissenschaftler als Comic Relief ist ebenso vorhanden, wie das kecke Kind als emotionales Zentrum. Der romantische Subplot fehlt ebenso wenig.

Ganz so breit hätte man das Geschehen dann doch nicht auswalzen müssen. Im Mittelteil vergisst Lang den Plot beinahe, so begeistert ist er vom Start der Helius-Rakete. Die praktischen Spezialeffekte sind erstaunlich. Da steckt einiges an Handwerk dahinter. Der Schnitt und die Kamera sind ästhetisch bemerkenswert. Etwa dann, wenn die Besatzung atemlos den Mond bestaunt. Lang zeigt die Crew-Mitglieder von hinten aus gebührender Distanz, wie sie fassungslos aus dem Fenster stieren. Das setzt einen unerwarteten Schwerpunkt, da es die Aufmerksamkeit des Publikums weg vom Mond hin zum Innenraum der Rakete verschiebt. Der Film ist voll solcher Kniffe. Wunderbar auch die lebendigen Texttafeln. Da erscheint ein „3 … 2 … 1“-Countdown, oder eine Explosion zersprengt förmlich die Lettern. Und wenn Professor Manfeldt auf dem Mond auf Gold stösst, hallt sein hysterischer Ausruf mit wilden Buchstaben durchs Bild. Wahrscheinlich hätte Lang an den Comic-Einwürfen in Edgar Wrights Scott Pilgrim vs. The World (2010) seine helle Freude gehabt.

Frau im Mond beginnt spannend und verwickelt, ist in der ersten Stunde eher Thriller als Science-Fiction. Die Einführung des schmierigen Bösewichts Turner ist genial, und Fritz Rasp (Metropolis) geniesst seine Rolle sichtlich. Je länger der Film dauert, desto vorhersehbarer wird er. Die Verwirrungen lösen sich schnell auf – und bald ist klar, wie der Hase läuft. Die zweite Hälfte ist dann pures Abenteuer und geradlinige Unterhaltung. Die Witze des Filmes zünden bis heute. Das liegt daran, dass sie allesamt visuell sind. Wenn Helius eine arme Topfpflanze malträtiert, während er ungeduldig darauf wartet, dass sein Freund Windegger das Telefon abnimmt, dann ist das wirklich lustig.

Die drei Hauptdarsteller machen ihre Sache gut. Gustav von Wangenheim (Nosferatu) als aufbrausender Ehemann schiesst manchmal übers Ziel hinaus, dafür gibt Willy Fritsch (Die Drei von der Tankstelle) einen standhaften Helden ab. Gerda Maurus (Spione) ist bezaubernd als sanftmütige und abenteuerlistige Friede – mit ihrer Aura überstrahlt sie alle anderen Protagonisten. Und Klaus Pohl (Das Testament des Dr. Mabuse) gibt einen grandiosen Prototyp für den zerstreuten Professor ab.

Mit Frau im Mond liefert Fritz Lang gepflegte Sci-Fi-Unterhaltung. Der Film ist das Gegenstück zum düsteren und vielschichtigen Metropolis – und eine Blaupause für zukünftige Weltraum-Abenteuer. Zuweilen wünscht man sich, Lang würde schneller zu Potte kommen. Nach dem Start der Rakete franst die Story arg aus, aber technisch und ästhetisch ist das Gezeigte über allen Zweifel erhaben. Ein Muss für Sci-Fi-HistorikerInnen.

7/10

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Alien³ (1992)

Finchers Fehlstart: Das Alien wird zum Schusshündchen

Wer im 22. Jahrhundert mordet und vergewaltigt, wird auf einen Gefängnisplaneten abgeschoben. Dort müssen die Kriminellen den Rest ihres erbärmlichen Lebens als Zwangsarbeiter absitzen. Fiorina ist ein solcher Gefängnisplanet. Eines Tages landet dort eine Rettungskapsel not. Die einzige Überlebende des Absturzes: Die Raumfahrerin Ellen Ripley (Sigourney Weaver), die seit Jahrzehnten gegen ein blutrünstiges Alien kämpft. Leider scheint Ripley das brandgefährliche Biest noch immer nicht abgeschüttelt zu haben. Denn bald verschwinden die Bewohner von Fiorina, einer um den anderen. Das Unternehmen Weyland-Yutani kündigt einen Rettungstrupp an. Doch Ripley ist misstrauisch, wurde sie doch schon mehrmals von ihrem Arbeitgeber betrogen. Mithilfe der Kriminellen will Ripley das Alien endlich erledigen. Und zwar bevor die Leute von Weyland-Yutani es in die Finger kriegen.

Für den dritten Teil der Alien-Reihe haben die Produzenten einen Mann in den Regiestuhl gesetzt, der sich zuvor vor allem um Musikvideos verdient gemacht hatte: David Fincher. Mittlerweile gehört er zu den wichtigsten zeitgenössischen Regisseuren. Mit Filmen wie Zodiac (2007), The Social Network (2010) und Gone Girl (2014) hat er Meisterliches in Sachen Suspense und Sozialsatire geleistet. Sein Spielfilm-Debüt Alien³ (1992) lässt davon allerdings noch nicht viel erahnen. Hinter den Kulissen soll es viele Reibereien gegeben haben. Dem Endresultat merkt man das leider an.

Nach dem beunruhigenden Alien (1979) und dem bombastischen Aliens (1986) wirkt Alien³ wie eine Schlaftablette allererster Güterklasse. Dass sich der dritte Streich vom Action-Spektakel der Marke Cameron entfernen will, ist zwar löblich. Schade nur, dass wir als Ersatz eine Einöde von Film bekommen. Bereits in den ersten Minuten vertilgt das Skript die beiden Bezugspersonen Ripleys. Die Ersatztochter Newt und der potentielle Liebhaber Dwayne sterben bei der Notlandung. Das mag der Prämisse der Geschichte geschuldet sein. Dramaturgisch unglücklich ist es trotzdem, kappt dieser Einstieg doch sofort wieder alle emotionalen Fäden zum Vorgängerfilm. Nun ist Ripley wieder allein. Das hatten wir doch schon.

Stilistisch vermag Fincher keine Schwerpunkte zu setzen, sieht man von einigen stimmigen Landschaftsaufnahmen und POV-Shots aus Sicht des Aliens ab. Der spätere Meister des Suspense fabriziert hier einen vorhersehbaren Jump Scare nach dem anderen. Fincher scheint den Horror an die zahlreichen Gore-Szenen delegieren zu wollen. Diese schockieren aber kaum; manchmal wirken sie gar lächerlich. Das liegt daran, dass Fincher das Alien oft in der Totale zeigt. Diese Entscheidung entblösst die veralteten Spezialeffekte aus dem Computer und macht das Alien zu einem herum humpelnden Klappergestell. Im Original war das Alien noch mysteriös und unvorhersehbar; im dritten Teil ist es nurmehr ein besseres Raubtier.

Im Drehbuch stecken einige spannende Ideen. Alien³ führt den thematischen Faden der Reihe fort; Ripleys Weiblichkeit ist weiterhin ein Fixpunkt, dieses Mal auf sehr direkte Weise. Zu Beginn wird eine grosse Sache daraus gemacht, dass es Ripley auf einen Planeten verschlägt, der nur von Männern bewohnt ist. Sie trifft Vergewaltiger, die seit Ewigkeiten keine Frau mehr gesehen haben. Sie rasiert sich den Kopf und wird zu einer androgynen Gestalt. Ihre Rolle als Mutter wird umgedeutet, und eine religiöse Färbung kommt ins Spiel. Das ist alles schön und gut, aber die Hälfte dieser Motive lässt das Skript auf halbem Wege fallen. Dass Ripley als Frau eine Aussenseiterin auf Fiorina ist, hat bald schon keine Bedeutung mehr.

Im ersten Akt reden sich die Leute die Lippen fusslig, ohne dass dabei was raus käme. Die Dialoge liefern meist nur pseudo-pointiertes Gestammel. Wieso Ripley am Anfang nicht über das Alien sprechen will, wird nicht nachvollziehbar. Überhaupt wird die Gefahr quälend langsam eingeführt, und die Figuren sind grösstenteils nur Kanonenfutter fürs Alien. Jonathan (Charles Dance) ist der Arzt des Gefängnisses und verliebt sich in Ripley. Leider führt die Beziehung nirgendwohin. Der Gefängniswärter Harold (Brian Glover) ist nicht viel mehr als ein idiotischer Mistkerl. Einzig Dillon (Charles S. Dutton) als spiritueller Anführer entwickelt sich zu einem Sympathieträger. Demgegenüber ist die Episode mit dem Verrückten Golic (Paul McGann) eher im „Was zur Hölle?“-Territorium anzusiedeln.

Das Finale ist ein lautes, chaotisches Irgendwas, das eher verwirrt als mitreisst. Der industrielle Look des Filmes ist mutig, kann aber kaum Gefühle wecken. Dafür sind die Geschehnisse zu überladen und ziellos. Ripley selbst ist nur noch das grimmige Abziehbild einer Märtyrerin. Auf dem Papier klingt das interessant, aber umgesetzt wurde es erstaunlich öde. Spätestens wenn man sich bei der melodramatischen Schlusspointe ein Gähnen verkneifen muss, merkt man: Da ist was schief gelaufen.

Alien³ ist eine herbe Enttäuschung. Das Debüt von Fincher überzeugt weder als Action-, noch als Horrorfilm. Das Skript ist konfus, die Figuren leblos und der Stil inkonsistent. Fincher hat viel Spannendes zum Frauenbild zu sagen, verdeutlicht seine Gedanken aber nur halbherzig.

4/10

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The Woman in Black (2012)

Sympathische Geisterbahn für Horror-Nostalgiker

Armer Arthur Kipps. Der alleinerziehende Vater wird von seiner Anwaltskanzlei in die Pampa geschickt, um dort einen mühseligen Auftrag zu erledigen. Die Papiere der verstorbenen Alice Drablow müssen gesichtet werden. Kipps wird angedroht, dass dies seine letzte Chance sei: Erfolg oder Entlassung. So muss er seinen Sohn in London zurücklassen, in das abgeschiedene Dorf Crythin Gifford reisen, sich dort mit den übellaunigen Bewohnern herumschlagen und in einem klassischen Gruselhaus namens Eel Marsh Akten wälzen. Da kann bestimmt nichts schief gehen. Nur’n Scherz: Natürlich geht alles ganz gründlich schief. Im Dorf sterben plötzlich Kinder unter mysteriösen Umständen, und Kipps scheint von einer Frau in Schwarz verfolgt zu werden. Was steckt dahinter? Verschwörung oder waschechter Fluch? Kipps nimmt all seinen Mut zusammen, um der Sache auf den Grund zu gehen …

The Woman in Black beginnt mit einer Irritation. „Ist das Daniel Radcliffe alias Harry Potter, der da den jungen Vater gibt?“, fragt man sich. Ja, er ist es tatsächlich. Und leider tut er sich schwer, wirklich in die Rolle zu finden. Sein Arthur Kipps bleibt blass, was auch am Drehbuch liegen mag, das unserem Protagonisten kaum Ecken und Kanten gibt. Er ist halt der Typ, der das verfluchte Haus untersuchen muss. Und das genügt auch. Denn Eel Marsh ist ein echtes Prachtexemplar unter den Gespensterhäusern. Es ist alt, zwielichtig und geheimnisvoll.

Der Regisseur James Watkins (Eden Lake 2008) zieht alle Register des wohligen Grusels. Die Einleitung ist klassisch: Ein Fremdling muss sich mit abweisenden und scheinbar abergläubischen Dorfbewohnern arrangieren, bis er schliesslich das Haus betreten darf. Dieses liegt abgeschieden auf einem Moor, das nachts von der Flut überschwemmt wird. Im Haus wird’s ernst: Hier jagt Watkins seinen Protagonisten von einem Jumpscare zum nächsten, fast wie in einer Geisterbahn auf dem Jahrmarkt. Das vermag zu unterhalten, denn die Schockmomente sind gekonnt gesetzt. Dazwischen gibt es immer wieder langsamere Passagen, in denen Kipps dem Mysterium auf die Schliche kommt. Auch der subtile Horror kommt nicht zu kurz; die titelgebende Frau in Schwarz schleicht Schritt für Schritt in den Fokus des Filmes. Wenn die ersten, etwas zähen dreissig Minuten überwunden sind, wird die Dramaturgie knackig und effektiv.

Visuell bietet uns The Woman in Black einige Leckerbissen. Die weitläufigen Aufnahmen übers Moor sind phänomenal, und das Geisterhaus wunderbar atmosphärisch. Wer endlich mal wieder einen stilvollen Geisterfilm schauen will, dürfte mit diesem hier bestens bedient sein. Genrefans werden aber bald feststellen, dass Watkins munter jedes erdenkbare Horror-Klischee abgrast: leblose Puppen, wippende Schaukelstühle, knarrende Türen, diffuse Schatten; die Liste ist endlos. Das hieraus gefertigte Gänsehaut-Patchwork ist zwar mitreissend, aber nur wenig originell. Irgendwie und irgendwo hat man das alles schon gesehen. Dass Anwalt Kipps nicht die charismatischste und tiefgründigste Figur ist, kommt erschwerend hinzu.

Und doch: Es ist erfrischend zu sehen, dass ein traditioneller Grusler – noch dazu von der legendären Produktionsfirma Hammer (The Curse of Frankenstein 1957, Dracula 1958 und The Mummy 1959) – auch heute noch gut funktionieren kann. So kann man sich denn auch mit den zahlreichen Klischees versöhnen: Sie machen den Film sympathisch rückwärtsgewandt, zumal sie nett zusammen geschustert sind. The Woman in Black ist ein ungeschickter, aber charismatischer Liebesbrief an Horror-NostalgikerInnen: Er verfolgt moderne Ansätze, bleibt im Kern aber konservativ. Das wird niemanden umhauen. Aber für eine Sichtung am heimischen Bildschirm reicht’s – am besten dann, wenn’s draussen ordentlich stürmt.

7/10

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Aliens (1986)

Alien goes Action

(Die folgende Rezension enthält leichte Spoiler.)

Nach 57 Jahren wacht Ellen Ripley endlich aus ihrem Kälteschlaf auf. Sie ist die einzige Überlebende des Massakers auf der Raumschiff Nostromo. Doch auf der Erde glaubt ihr niemand, dass eine ausserirdische Spezies für den Tod ihrer Crew verantwortlich ist. Der Planet, auf dem die Nostromo das Alien aufgegabelt haben soll, ist mittlerweile eine Kolonie; von einem bösartigen Wesen keine Spur. Flugs wird Ripley die Lizenz zum Fliegen entzogen. Doch als der Kontakt zur Kolonie plötzlich abbricht, wird Ripley als Beraterin angeheuert. Sie lehnt zuerst ab, besinnt sich dann aber eines Besseren. Vielleicht kann sie ihre inneren Dämonen nur bekämpfen, indem sie sich erneut dem Alien stellt – und es ein für allemal vernichtet. So reist sie zusammen mit einer militärischen Einheit zurück an den Ort, wo alles begann …

Aliens (1986) ist die Fortsetzung von Ridley Scotts Horror-Klassiker Alien aus dem Jahre 1979. Auf dem Regiestuhl sitzt wieder ein bekannter Name: James Cameron (Terminator, Titanic), der Spezialist für gross angelegte Hollywood-Kracher. Cameron setzt im zweiten Teil alles auf eine Karte, und die heisst „Action“. Das vermag durchaus zu unterhalten, entzaubert das Alien-Universum allerdings ein Stück weit. Der Film beginnt mit einer knapp einstündigen Exposition. Wir lernen die zwielichtige Firma Weyland-Yutani besser kennen, samt schmierigem Anwalt Burke (Paul Reiser). Dann erfahren wir mit Erstaunen, dass sich auf dem Planet des ersten Teiles mittlerweile um die siebzig Familien tummeln. Und schliesslich wird Ripley eröffnet, dass ihre Tochter vor zwei Jahren im Alter von 66 gestorben ist.

Hier tut sich das Hauptmotiv des Filmes auf: Mutterschaft. Im Verlaufe der Geschichte findet Ripley einen Ersatz für ihre Tochter: das traumatisierte Mädchen Newt (Carrie Henn), deren Eltern von einem Alien getötet wurden. Von der emanzipierten Heldin zur Badass-Mutter: Das ist eine spannende Idee, zumal das Drehbuch dankenswerterweise darauf verzichtet, Ripley einen männlichen Beschützer aufzudrängen. Ripleys Gegenspielerin ist ebenfalls eine Mutter: nämlich die Königin der Aliens, die fleissig Eier legt. Wie es der Titel Aliens bereits andeutet, haben wir es dieses Mal mit mehreren Aliens zu tun. Das macht die Lage noch aussichtsloser, aller militärischer Feuerkraft zum Trotz.

Cameron bietet uns ein endloses Action-Spektakel, das sich sehen lassen kann. Da knattert, wummst und spritzt es an jeder Ecke. Die Schauwerte sind gross, die Story hält bei Stange. Trotzdem macht sich nach einer Weile emotionale Leere breit. Schon Alien war keine besonders tiefgründige Angelegenheit, aber die brodelnde Ästhetik weckte eine unangenehme Unruhe im Angesicht des Fremden. Bei Aliens fehlt dieses Gefühl fast gänzlich: Der Film hebt erfolgreich den Testosteron-Spiegel, lässt die existentielle Angst jedoch links liegen. Action-Fans wird das nicht kümmern. Sie bekommen ein erstaunliches Fest für die Sinne. Und man muss zugeben: Es ist ausserordentlich befriedigend, den Aliens beim Sterben zuzusehen. Aber irgendwann stellt sich die Frage: Wohin steuert all der Bombast eigentlich?

Die Beziehung zwischen Ripley und Newt ist zwar sympathisch, wirkt aber formelhaft. Die Mitglieder des Militärs werden authentisch charakterisiert. Das ist Cameron ähnlich gut gelungen, wie Scotts Portrait der Nostromo-Besatzung. Trotzdem bleiben die handlungstragenden Figuren blass. Alle erfüllen einen klaren Zweck innerhalb des Skripts: feiger Opportunist, psychisches Wrack und ehrenvoller Held. Das ist leider arg vorhersehbar. Zuweilen fühlt man sich an das Blockbuster-Kalkül eines Jurassic Park (1993) erinnert. All das Geballere zerstört den Mythos des übermächtigen Aliens. Schon im zweiten Teil verabschiedet sich das Geheimnisvolle und Unerklärte zugunsten purer Unterhaltung. Die Innenaufnahmen zu Beginn des Filmes wollen an Ridley Scotts Handschrift gemahnen, machen aber bloss deutlich, dass wir uns auf einer Stilebene befinden, die mit dem kunstvollen Original nicht mehr viel am Hut hat.

Grösser, schneller, lauter: Dieses Mantra hat aus dem zweiten Teil der Alien-Serie solides Entertainment gemacht: sensationell und turbulent. Aliens ist die Popkorn-Version von Scotts Horror-Meilenstein: lecker, aber ohne bleibende Wirkung.

7/10

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Alien (1979)

Ein Meisterstück der Unruhe

Das Raumschiff Nostromo sollte lediglich Mineralien zur Erde liefern. Als die Crew jedoch aus dem Kälteschlaf erwacht, stellt sie verwundert fest, dass ihr Schiff weit vom Kurs abgekommen ist; vom Blauen Planeten keine Spur. Der Bordcomputer „Mother“ informiert Captain Dallas darüber, dass ein Notruf eingegangen sei. Der Autopilot sei dem Signal gefolgt. Das Protokoll verlangt, dass in einer solchen Situation Hilfe geleistet werden muss. So sieht sich die siebenköpfige Besatzung der Nostromo dazu genötigt, auf einem fremden Planten zu landen. Dort stossen sie auf das Raumschiff einer unbekannten Zivilisation – abgestürzt und verlassen. Doch etwas regt sich im unteren Teil des Wracks: unzählige Eier einer mysteriösen Spezies brüten dort vor sich hin. Die Belegschaft der Nostromo hat eine Entdeckung gemacht, die sie bald bereuen wird. Plötzlich werden sie von einer Kreatur gejagt, die weder Gnade noch Schwäche kennt …

Ridley Scotts Alien (1979) beginnt ominös und episch im Weltraum. Dann verfrachtet uns Scott ins Innere der Nostromo und inspiziert mit präzisem Blick die Räumlichkeiten des Raumschiffes. Der grossspurige Gestus erinnert zunächst an Stanley Kubricks 2001: A Space Odyseey (1968). Sobald die Crew erwacht, wird allerdings klar: Es geht Scott nicht um abgehobene Philosopheme, sondern um den Alltag einfacher Arbeiter. Zumindest vorerst. Alien spielt in einer Zeit, in der die Raumfahrt längst ihren Glanz verloren hat. Captain Dallas & Co. sind keine heldenhaften Astronauten – sie sind lediglich Männer und Frauen, die ihren Job erledigen müssen. Die Albereien und Streitereien an Bord fängt Scott authentisch ein; und dem dreckig industriellen Setting bleibt er über die ganze Laufzeit treu.

Nachdem die Nostromo auf dem unbekannten Planeten landet, entfaltet der Film eine majestätische Sprache der Aufruhr: Es rauscht, surrt und knistert, das Bild verwackelt und verschwimmt. Der erste Schockmoment ist ein veritabler Schlag in die Magengrube, danach geht’s munter weiter mit Ekel, Psycho-Terror, Gore, Jump Scares und Action bis hin um kathartischen Finale. Alien klappert jeden Trick aus dem Handbuch des Horrors ab, und das Resultat elektrifiziert. Die Sound- und Bildkulisse ist atemberaubend. Scott bedient alle Sinne: Am Ende meint man fast, die Nostromo ertasten und erriechen zu können. Das groteske Design des Planeten und des Aliens stammt vom Schweizer Künstler HR Giger, der das Technologische und Organische auf verstörende Weise verschmelzt. Im Falle der Kreatur ist diese Mischung besonders trefflich – ist sie doch nichts weniger als eine lebendige Superwaffe. Sieht man von einigen schlampigen Schnitten ab, ist Alien technisch makelloser Sci-Fi-Horror.

Hinzu kommt ein chauvinistischer Subtext, aus der eine weibliche Action-Heldin emporsteigt: Ellen Ripley, Vize-Kapitänin der Nostromo. Verkörpert wird sie von Sigourney Weaver (Annie Hall, Ghostbusters), die strikt und abgebrüht, aber nicht herzlos aufspielt. Ripley behauptet sich gegen ihre ruppige Crew, fällt unbeliebte Entscheidungen, setzt sich aber inmitten der Katastrophe sogar für das Leben des Bordkaters Jones ein. Sie ist eine wunderbare Identifikationsfigur, gerade weil sie keine Heilige ist.

Trotz des stilistischen Höhenflugs kann Scott nie ganz verhehlen, dass er eigentlich einen B-Movie vor kunstvoller Kulisse dreht. Das Skript von Dan O’Bannon und Ronald Shusett bedient die mittlerweile typische Prämisse des Slasher-Films: Eine Gruppe von Menschen wird auf engem Raum von einem gefährlichen Killer gejagt. Nur befindet sich der Schauplatz dieses Mal im Weltraum – und der Killer ist ein übermächtiges Alien. Das alles macht die Klaustrophobie noch erdrückender. Wie die Tagline so treffend meint: „In space no one can hear you scream.“ Um dem Bildungspublikum entgegen zu kommen, tackert man einen vage philosophischen Twist an den Film, was die Story nur marginal tiefgründiger macht. Und doch: Das Geschehen auf der Nostromo fesselt. Was uns Scott hier an brodelndem Unbehagen bietet, ist bis heute beispiellos. Die packende Inszenierung des Aliens und dessen ungeklärten Ursprünge sorgen für Atemnot und Herzklopfen.

Alien ist ein Meisterstück der Unruhe, einzigartig in der Erzeugung von Spannung und Panik. Das Filmmonster ist ikonisch, die Heldin knallhart und die Atmosphäre erstickend. An diesem tödlichen Ungeheuer führt kein Weg vorbei.

9/10

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Le Fabuleux Destin d’Amélie Poulain (2001)

Phantasievolle Liebeserklärung an introvertierte Träumer

Willkommen in Amélie Poulains (Audrey Tautou) fabelhafter Welt: Hier gehen Gartenzwerge auf Weltreise, Gespenster suchen Foto-Automaten heim und belanglose Details werden zu wundersamen Ereignissen. Amélie ist eine hochsensible Träumerin, die den Kontakt zu anderen Menschen meidet. Eines Tages aber beschliesst sie, sich in das Leben ihrer Mitmenschen einzumischen. Als unsichtbarer Schutzengel steht sie ihrem Bekanntenkreis zur Seite. Sie verkuppelt zwei Besucher des Cafés, in dem sie arbeitet. Sie weckt die Reiselust ihres apathischen Vaters. Und sie rächt sich an einem gemeinen Obsthändler. Nur sich selbst in ihrer Einsamkeit scheint sie nicht helfen zu können. Aber vielleicht findet sie durch ihre neue Berufung zu ihrer grossen Liebe? Vielleicht.

Le Fabuleux Destin d’Amélie Poulain ist eine visuelle Tour de Force. Die Farbgebung ist prägnant, fast schrill. Vor allem Grün-, Gelb- und Rottöne herrschen vor. Die Kamera von Bruno Delbonnel (Inside Llewyn Davis, Harry Potter and the Half-Blood Prince) ist omnipräsent: Sie rüttelt schroff umher und schwebt elegant um Amélie herum, je nach Situation. Mitunter ist der Schnitt schwindelerregend erratisch. Regisseur Jean-Pierre Jeunet (Alien: Resurrection) versteht es virtuos, Amélies fabelhafte Welt auch formal sichtbar zu machen. Jeunet ist bekannt für seinen quirligen, auffälligen Stil. Stand dieser Stil in der Dystopie Delicatessen (1991) noch im Zeichen des schwarzen Humors, zelebriert er in Amélie der Romantik. Müsste man dem Film ein Genre zuteilen, wäre es wohl die romantische Komödie, allerdings eine mit makaberen und karikaturistischen Zügen.

Vordergründig ist Amélie vor allem eines: süss. Ein Erzähler kommentiert die Geschichte Amélies wie ein Märchenonkel. Amélies Welt ist ein Universum kleiner Freuden; etwa, wenn sie mit dem Löffel Crème brûlée aufbricht, oder wenn sie gespannt die Gesichter der Zuschauer im Kino betrachtet. Audrey Tautou (The Da Vinci Code) selbst ist der Inbegriff der schüchternen, liebenswerten Träumerin. Sie verbindet die Eleganz einer Audrey Hepburn mit dem Charme des Mädchens von nebenan. Tautou trifft nicht nur die humoristischen, sondern auch die dramatischen Töne meisterhaft.

Die Gefühle Amélies werden zuweilen wortwörtlich visualisiert. Wenn ihr Herz rast, werfen wir einen Blick in ihren Brustkorb. Wenn sie vor Verliebtheit zerschmelzt, dann muss man sie nachher vom Boden aufwischen. Und die Wolken sehen nicht nur aus wie Hasen oder Bären, sie sind es tatsächlich. Ihr Rachefeldzug gegen den Obsthändler erreicht in seiner Kindlichkeit beinahe das „Niveau“ von Chris Columbus’ Home Alone (1990).

Doch ist der Film nicht gänzlich unverdorben: Thanatos und Eros sind überall sichtbar. Wann immer es um den Tod geht, kommt Jeunets schwarzer Humor zum Tragen: Amélies Mutter etwa stirbt, weil sich eine Selbstmörderin von einer Kirche stürzt und auf sie fällt. Die Sexualität tritt als Antithese zu Amélies Liebesbegriff auf. Für den menschlichen Trieb hat sie nur höchstens ein verständnisvolles Lächeln übrig. Wenn sie sich wundert, wie viele Menschen in Paris einen Orgasmus haben, tut sie dies mit distanzierter Verträumtheit. In einer Schlüsselszene verschmelzen Tod und Sexualität: Amélie verfolgt Nino (Mathieu Kassovitz), den Mann ihrer Träume, in eine Geisterbahn. Dort tritt er ihr als Skelett entgegen und versucht ihr mit tiefem Stöhnen Angst einzujagen. Eine Szene von schauderhafter Erotik. Der Tod und die Sexualität werden ständig mit behandelt, als verdrängte und ironisierte Instanzen.

Das Hauptthema des Filmes wird hingegen direkt ausgesprochen und behandelt: Es geht darum, dass Amélie ihre eigenen Wünsche verleugnet, indem sie sich in ihrer Traumwelt verliert. Den Kontakt zu anderen kann sie nur knüpfen, indem sie sich elaborierte und exzentrische Pläne zurecht legt. Amélies Nachbar Raymond Dufayel (Serge Merlin) wirft ihr diese Unzulänglichkeiten unverblümt an den Kopf. Aber auch dieser Konflikt wird überzeichnet: In einer wunderbar selbstironischen Szene betrauert Amélie ihren eigenen, angeblichen Tod – und stilisiert sich zu einer selbstlosen Märtyrerin, die sie offensichtlich nicht ist. Das Motiv des Filmes ist weder neu noch tiefgründig, doch erhält es durch Selbstreflexion eine leichtfüssige Gangart. Es ist, als würde der Film sagen: „Ja, diese Geschichte mag einfach gestrickt sein. Aber sie ist phantastisch, nicht wahr?“

Sie ist wahrhaft phantastisch, diese Geschichte. Le Fabuleux Destin d’Amélie Poulain hat mir einst beigebracht, wie magisch das Kino sein kann. Bis heute gehört er zu meinen Lieblingsfilmen. Wann immer Amélie im Fluss Schiefersteine springen lässt, begleitet von Yann Tiersens zauberhafter Musik und Bruno Delbonnels schwebender Kamera, muss ich die Tränen zurückhalten. Ich weiss nicht, wieso. Ich weiss nur: Amélie eine der Gründe, weshalb ich das Kino heute so liebe.

Wer so tief in die Welt einer Hochsensiblen eintaucht, macht sich ästhetisch verletzbar. Der Stil dieses Filmes liesse sich durchaus als manieriert und naiv anprangern. Als herausragendes Kunstwerk kann man Amélie letztlich nicht bezeichnen; dazu ist der Plot dann doch zu gradlinig. Dennoch handelt es sich um ein Meisterstück des Kinos. Amélie ist eine phantasievolle Liebeserklärung an introvertierte Träumer: keineswegs makellos, aber erfrischend, bunt und gedankenvoll wie ein sonniger Herbsttag.

10/10

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