The Taste of Tea (2004)

Darf ich vorstellen? Die Harunos. Nobuo, der Vater: Ein Hypnotherapist, der seine Patienten in ihr Unterbewusstsein reisen lässt. Yoshiko, die Mutter: Sie bestellt nicht nur den Haushalt der Harunos, sondern ist nebenbei als Anime-Zeichnerin tätig. Akira, der Grossvater: Ein verschrobener alter Mann, der früher ebenfalls Zeichentrickfilme animierte. Ayano, Yoshikos Bruder: Der locker-lässige Soundmischer stattet der Familie einen Besuch ab und wandelt durch sein idyllisches Heimatdorf. Ikki, Nobuo Bruder: Ein exzentrischer Manga-Autor, der sich zum Geburtstag ein selbstgemachtes Lied schenken will. Hajime, der Sohn: Er verliebt sich in seine neue Mitschülerin, die sich wie er für das Brettspiel Go interessiert. Und schliesslich Sachiko, die Tochter: Sie wird von der gruseligen Vorstellung geplagt, von sich selbst beobachtet zu werden. In Grossformat. Jetzt sucht sie nach einem Weg, diese Visionen abzuschütteln …

Katsuhito Ishiis The Taste of Tea ist so ein Film, den man mit eigenen Augen gesehen haben muss: Vollgepackt mit skurrilen Ideen, phantasievoll und poetisch, kreiert er eine ganz eigene Welt, in die einzutauchen eine einzigartige Erfahrung ist. In seinem Kern ist der Film ein Familienportrait. Er folgt den Harunos in verschiedene Situationen, die mal mehr und mal weniger alltäglich sind. Einen klar ersichtlichen roten Faden gibt es nicht, der Plot zerfasert in verschiedene Seitenstränge. So lässt sich auch nicht sagen, wer die eigentliche Hauptfigur ist. Ja, letztlich scheint die Familie im Gesamten die Protagonistin zu sein. Denn die verschiedenen Fäden spielen virtuos ineinander, sodass sich ein komplexes und farbenreiches Gesamtbild ergibt.

The Taste of Tea ist gleichermassen abgehoben wie bodenständig. Dieses Paradox, diese Spannung macht ihn zu einem Meisterwerk. Die Abgehobenheit des Filmes besteht darin, dass Ishii ständig surreale Bilder in die Geschichte einwebt. Zu Beginn etwa verdeutlicht er die geistige Verfassung des Sohnes Hajime mit einer Eisenbahn, die aus dessen Stirn hinauf in den Himmel rattert. Die verschwundene Eisenbahn lässt ein viereckiges Loch in Hajimes Kopf zurück. Einige der gewählten Bilder sind gruselig, ja fast schon verstörend. Zum Beispiel, wenn der junge Ayano vom Geist eines erschossenen Yakuzas verfolgt wird, oder wenn Sachiko auf dem Spielplatz einen lebendig begrabenen Menschen entdeckt. Andere Bilder sind derart morbide, dass man nicht weiss, ob man sich am Kopf kratzen, oder aber in Gelächter ausbrechen soll. In seiner Absurdität ist The Taste of Teateilweise wirklich zum Schreien komisch. Daran haben auch die kultigen Dialoge ihren Anteil. (Eine Kostprobe: „Warum bist du ein Dreieck, warum nur, oh warum?“ – „Weil ich ein Dreieck bin?“) Die seltsamen Erlebnisse und Visionen der Familie haben immer wieder einen anderen Farbton. Nie weiss man, ob man sich auf etwas Lustiges, Gruseliges oder schlicht Verwirrendes vorbereiten muss. So wird jede neue Einstellung zu einem kleinen Abenteuer.

Das Geniale an diesen surrealen Einspielungen ist nun, dass sie eingebettet sind in einen durchaus realen Kontext. Abgesehen vom Grossvater und vom Onkel väterlicherseits sind die Harunos im Grunde eine ganz normale Familie, und die behandelten Themen – u. a. Liebe, Sexualität und Berufsleben – sind uns bestens vertraut. Ausserdem hat der Film einen „geerdeten“ Look. Die Stimmung ist nicht einfach völlig abgedreht. Immer wieder baut Ishii ganz ruhige und normale Szenen ein, die in wunderbarem Kontrast zum regelmässig waltenden Wahnsinn stehen. Manchmal schweigen die Figuren einfach und teilen einträchtige, intime Momente. Diese Szenen entfalten eine überraschende emotionale Kraft. Das peinliche Gespräch etwa, das Ayano mit seiner mittlerweile verheirateten Jugendliebe führt, ist ehrlich und berührend. In solchen Momenten hat mich der Film aus dem Hinterhalt getroffen. Weil ich plötzlich merkte: „Wow! Diese Figuren bedeuten mir etwas. Sie sind mir tatsächlich ans Herz gewachsen.“ Und spätestens gegen Ende des Films wird klar, dass Ishii mit The Taste of Teanicht einfach nur rumblödeln will, sondern dass ihm daran liegt, ein ernsthaftes und bewegendes Familiendrama zu zeigen. Das ist ihm mehr als gelungen: Während des Abspanns war ich richtig traurig, mich von den Harunos verabschieden zu müssen.

Das ist Kino, wie es sein sollte: Grossartig bebildert, originell, facettenreich, unerwartet, unterhaltsam und ergreifend. The Taste of Tea ist nichts weniger als ein filmisches Wunder. [10/10]

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Feuchtgebiete (2013)

Helen Memel (Carla Juri) liebt es, mit ihrem Körper herum zu experimentieren. Als sie sich beim Rasieren im Analbereich schneidet, landet sie im Krankenhaus. Dort wittert sie die lang ersehnte Chance, ihre geschiedenen Eltern wieder zu versöhnen … Feuchtgebiete ist die Verfilmung von Charlotte Roches gleichnamigem Skandalbuch, über das sich so viele empörten. Doch das Buch ist alles andere als eklig: Es ist erfrischend, mutig und berührend.

Glücklicherweise ist dem deutschen Regisseur David Wnendt eine adäquate Umsetzung des Originalwerkes gelungen. Soll heissen: Der Film blendet weder die selbstironischen, noch die düsteren Töne des Romans aus. Die Hauptdarstellerin Carla Juri irritiert zunächst etwas mit ihrem Gesäusel, das teilweise stark an Roches eigene Stimme erinnert. Nach und nach aber wächst sie einem ans Herz. Der Tessinerin gelingt ein erstaunlicher Spagat zwischen Naivität, Desillusionierung und Lockerheit.

Feuchtgebiete beinhaltet einige provokante Szenen sexueller Natur (Stichwort „Pizza“), doch im Grunde wird die Geschichte einer traurigen, perspektivenlosen Teenagerin erzählt. Wnendt gestaltet diese Geschichte so frech, „spritzig“ und phantasievoll, dass die Zuschauer mehr als nur einmal irritiert gen Bildschirm blinzeln dürften. Ein Problem des Films ist allenfalls, dass er stellenweise so eklektisch daher kommt, dass er fast auseinander fällt. Manchmal weiss man gar nicht so recht, ob man das Gesehene ernst nehmen soll, oder nicht. Andererseits, vielleicht macht gerade das Feuchtgebiete so besonders?

Mir jedenfalls hat die bunte Achterbahnfahrt ausnehmend gut gefallen. Aber wie bei allen Achterbahnen gilt auch hier: Gut anschnallen, bevor es los geht! [8/10]

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Splice (2009)

Die Biochemiker Clive (Adrien Brody) und Elsa (Sarah Polley) schaffen ein hybrides Lebewesen, das menschliche DNA enthält. Die so entstandene Dren (Delphine Chanéac) stellt das Pärchen vor ungeahnte Schwierigkeiten … Vincenzo Natalis Horrorfilm Splice wartet mit einigen interessante Ideen und einer Handvoll widerlicher Szenen auf, das ist aber auch schon alles. Delphine Chanéac als Dren hat zwei, drei nette Szenen, doch diese allein können den Film nicht tragen. Zu vorhersehbar ist die Geschichte, und zu eindimensional sind die Charaktere. Auch die Horror-Elemente missglücken: Es reicht nicht, ab und an eine plakative Ekel-Szene einzuwerfen. Ich muss gestehen, ich habe mich 100 Minuten lang einfach nur gelangweilt. (Na gut, hin und wieder habe ich mich verärgert gefragt: „Wie doof kann man sein?“) Splice ist Trash, der philosophische Tiefgründigkeit behauptet, sie aber an keiner Stelle erreicht. Dagegen bin ich allergisch. Sorry!  [3/10]

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Yella (2007)

Yella (Nina Hoss) hat genug von ihrem Mann, nachdem dieser seine Firma in den Sand gesetzt hat. Sie trennt sich von ihm und lernt einen Neuen kennen: Philipp (Devid Striesow), einen charismatischen wie zwielichtigen Geschäftsmann. Yella ist eine sonderbare Mischung aus Gruselfilm und Wirtschafts-Thriller, die nicht immer aufgeht. Interessiert hat mich der Streifen vor allem deswegen, weil er eine Variation des Horrorklassikers Carnival of Souls (1962) sein soll. Mit diesem kann er es aber keine Sekunde lang aufnehmen. Besonders das Ende hat mich darüber rätseln lassen, was Regisseur Christian Petzold mit seiner Übung eigentlich erreichen wollte. Die Auflösung wirkt doch arg gesucht. Als Kapitalismuskritik ist der Plot etwas leer und als Grusler zu uninspiriert. Obwohl Hoss und Striesow ordentlich aufspielen, springen auch die Emotionen nicht immer rüber. Immerhin eine gewisse Spannung und Stimmung kann man dem Film zugute halten. Fazit: Yella ist ein interessanter Versuch, aber eben leider nur ein Versuch. [5/10]

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Planet of the Apes (2001)

Meine Erwartungen an Tim Burtons Remake des Sci-Fi-Klassikers Planet of the Apes (1968) waren von Anfang an nicht besonders hoch. Trotzdem war das, was ich gesehen habe, eine schwere Enttäuschung. Der Film sagt nichts, was nicht das Original schon – besser – gesagt hätte. Dazu gibt es noch zwei (!) unnötige Romanzen, eine pathetische Entscheidungsschlacht und zusätzliche Twists, die weder zur Story noch zur Botschaft beitragen. Die Schlussszene ist so lachhaft absurd, dass sie mich als Trashfan fast versöhnlich gestimmt hat. Leider ist der Rest des Films einfach nur lahm. Das liegt vor allem an der Hauptfigur Leo Davidson (Mark Wahlberg), die die Langeweile in Person ist. Gnadenpunkte gibt’s für Helena Bonham Carter, die ganz nett spielt, sowie für die Ausstattung und das Make-Up. Aber gegen ein derart verunglücktes Skript kann selbst Burtons Stil nichts ausrichten. Mein Rat: Schaffners Original schauen und diese Version meiden. [3/10]

Planet of the Apes / USA 2001 / Genres: Science-Fiction, Action / Laufzeit: 115 min / Regie: Tim Burton / Drehbuch: William Broyles Jr., Lawrence Konner, Mark Rosenthal / Kamera: Philippe Rousselot / Musik: Danny Elfman / Darsteller: Mark Wahlberg, Tim Roth, Helena Bonham Carter, Michael Clarke Duncan, Paul Giamatti, Estella Warren, Cary-Hiroyuki Tagawa, David Warner, Kris Kristofferson, Erick Avari, Lucas Elliot Eberl, Evan Parke, Glenn Shadix, Freda Foh Shen, Chris Ellis

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Les Chansons d’Amour (2007)

Ismaël, Julie und Alice befinden sich in einer Dreierbeziehung. Solange jedenfalls, bis etwas ganz Schlimmes geschieht. Danach fühlt sich Ismaël plötzlich dem männlichen Geschlecht zugeneigt. Dazwischen wird ab und an ein bisschen gesungen. Und dann ist der Film auch schon wieder zu Ende.

So sähe meine etwas schludrige Inhaltsangabe zu Christophe Honorés Les Chansons d’amour aus. Und ganz ehrlich: Viel mehr hab ich in diesem Film nicht gesehen. Das Gimmick des Films sind die Gesangseinlagen, die offenbar ein Fingerzeig auf  Chanson-Filme wie Jacques Demys Les Parapluies de Cherbourg sein wollen. Mit Ludivine Sagnier hat man sich dann auch das Nesthäkchen aus François Ozons launiger Musik-Komödie 8 femmes an Bord geholt. Leider zünden von den dreizehn „Chansons der Liebe“ nur zwei: das neckische Terzett zwischen der Hauptfiguren (Je n’aime que toi) und das wunderschön melancholische Solo von Chiara Mastroianni (Au Parc).

In Les Chansons d’amour geht es um die Frage, wie man mit einem schweren Schicksalsschlag umgehen soll. Besser gesagt: Es hätte darum gehen sollen. Honorés Auseinandersetzung mit dieser Frage ist nämlich eher gestelzt. Natürlich, die Figuren lamentieren fleissig herum – aber wirklich interessiert hat mich das nicht. Fast hat man den verdacht, es wäre dem Regisseur wichtiger gewesen, die Grossen zu zitieren, als ehrlich in die Thematik einzutauchen.

Dass Ismaël nach und nach eine homosexuelle Beziehung aufbaut, passt zwar ins lose Thema der Freien Liebe, das auch mit der Ménage-à-trois angeschnitten wird, aber mehr als eine leere Fassade erkenne ich hier nicht. Es wird viel zu wenig auf dieses Verhältnis eingegangen! Als wäre nur eines wichtig: Nämlich, dass es sich eben um eine schwule Beziehung handelt. Wenn das alles ist, was es dazu zu sagen gibt, dann muss ich mich schon über diesen Handlungsstrang wundern, der mit zunehmender Laufzeit immer zentraler wird. Die Beziehung zwischen Julie und Ismaël wird dadurch schlicht aus dem Bild gedrängt. Dabei wären doch gerade die beiden das Rückgrat der Geschichte gewesen! Kurz: Die Dramaturgie von Les Chansons d’amour scheint mir reichlich ungeschickt zu sein. Ein blau getöntes Bild und ein paar bleiche Gesichter machen eben noch lange kein Drama.

Am Schluss versandet der Film dann geradezu im Nichts, als hätte Honoré gar keine Ahnung, worauf er mit seiner Geschichte eigentlich hinaus wollte. Es wird sicher Zuschauer geben, die dieses Manöver „offenes Ende“ nennen. Ich nenne es: „Vertuschung von Ideenlosigkeit“. Zurück bleibt ein Film, dem die klare Vision ebenso fehlt, wie das emotionale Zentrum. Les Chansons d’amour hat seine kleinen Momente, zaghafte Spuren wirklicher Gefühle – Mastroiannis Au Parc ist eine von ihnen. Ansonsten: Nichts als süsse Töne und heisse Luft für ein unterkühltes Zitate-Ratespiel. [4/10]

Les chansons d’amour / Frankreich 2007 / Genres: Drama, Romantik / Laufzeit: 100 min / Regie: Christophe Honoré / Drehbuch: Christophe Honoré / Kamera: Rémy Chevrin / Musik: Alex Beaupain / Darsteller: Louis Garrel, Ludivine Sagnier, Chiara Mastroianni, Clotilde Hesme, Grégoire Leprince-Ringue, Brigitte Roüan, Alice Butaud, Jean-Marie Winling, Yannick Renier, Annabelle Hettmann, Gaël Morel

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Blue Jasmine (2013)

Ich liebe Woody Allen. Aber um seine aktuellen Filme habe ich bisher einen Bogen gemacht. Zu gross war meine Sorge, enttäuscht zu werden. Trotzdem: Früher oder später musste ich über meinen Schatten springen. Weshalb nicht mit Blue Jasmine? Glücklicherweise hat der Film nicht enttäuscht. Die Geschichte der Prinzessin, die im unglamourösen Alltagsleben landet, mag nicht die originellste der Welt sein. Doch Cate Blanchett spielt die Prinzessin so brillant, dass man das gerne vergisst. Ihre gleichzeitig arrogante und erbärmliche Jasmine hat mich hin und her gerissen: Sollte ich diese Figur nun mögen, oder nicht? Fast noch besser aber hat mir Sally Hawkins als Jasmines Schwester Ginger gefallen. So süss, unbekümmert und gutherzig! Und diese Zähne! Ich drücke alle meine Daumen, dass Hawkins den Oscar für die beste Nebendarstellerin gewinnt. Ja, der Plot von Blue Jasmine ist konventionell, kurzatmig und leicht durchschaubar. Die brillanten Darsteller, die starke Hauptfigur und herausragende tragikomische Szenen machen das jedoch locker wieder wett. [7/10]

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