Swastika (1973)

Kommentarlose Geschichtsbilder: Das Dritte Reich erzählt sich selbst

In den 1970er-Jahren entdeckte der Historiker Lutz Becker ein einzigartiges filmisches Zeitdokument: die so genannten „Home Videos“ von Eva Braun. Die 16mm-Aufnahmen zeigen Adolf Hitler und seine Entourage im Landhaus Berghof am Obersalzberg. Zusammen mit dem australischen Regisseur Philippe Mora schnitt Becker die Home Videos mit anderem Filmmaterial aus dem Deutschland der Dreissiger zusammen. Resultat war die Dokumentation Swastika, die 1973 an den Filmfestspielen in Cannes Premiere feiern durfte. Die Vorführung verkam zum Skandal. Der Film musste in der Hälfte abgebrochen werden, weil das Publikum empört war über die scheinbar unkritische Darstellung Hitlers. In Frankreich wurde die Filmrolle von Swastika aus einem Kino gestohlen und auf den Gräbern jüdischer Holocaust-Opfern verteilt.[1]

Swastika war politischer Zündstoff. Das lässt sich auf eine Grundsatzentscheidung des Regisseurs Mora zurückführen: Er verzichtet in diesem Film konsequent auf einen didaktischen Kommentar. Das Gezeigte wird weder erklärt, noch kontextualisiert. Zu Beginn wird einzig klargestellt: „Was Sie gleich sehen werden, sind authentische Aufnahmen aus dem Dritten Reich. Die Szenen aus Hitlers Privatleben stammen aus seinen eigenen Filmen.“ Danach muss sich das Publikum selbst durch die – vorwiegend propagandistischen – Bilder finden. Mora erwartet von den Zuschauerinnen und Zuschauern, dass sie die kritische Distanz selbst herstellen. Eine solche Vorgehensweise wäre etwa bei der Neuauflage von Hitlers Hetzschrift Mein Kampf 2016 undenkbar gewesen.

Dennoch ist Swastika keine gänzlich neutrale Angelegenheit. Es mag keinen verbalen Kommentator geben, aber der Schnitt selbst spricht eine deutliche Sprache. Einmal sieht man Hitler, wie er mit einem kleinen Mädchen spaziert – dazwischen schneidet Mora Bilder von verelendenden Ghettokindern. Bezeichnenderweise gehört diese direkte Anklage zu den schwächsten Teilen des Filmes. Kraftvoll ist dagegen die unverhüllte Darstellung eines Deutschlands im Fiebertraum: jubelnde Mengen, Hakenkreuze überall, naiv-kitschige Kunstwerke, Riefenstahl’sche Bombastik, Hitler als scheinbar besonnener und einfühlsamer Diktator. Der Wahnsinn all dessen wird das (reflektierte) Publikum wie ein Schlag in die Magengrube treffen. Dazu kommen Eva Brauns Filme aus dem Obersalzberg. Die Farb-Aufnahmen zeigen eine bürgerliche Gesellschaft, die sich sorglos amüsiert, während der Holocaust tobt. Mitten unter ihnen: Adolf Hitler, das personifizierte Böse, das in all seiner Banalität enthüllt wird. Hitler ist irritierend langweilig. Unbeholfen, fast dümmlich steht er herum, redet über den Hollywood-Klassiker Gone with the Wind (1939), sinniert über die Zukunft des Farbfilms und spielt mit seiner Hündin Blondi.

Aber was will uns die Montage letztlich sagen? Was kann sie uns sagen? Wie sich herausstellt, nicht viel. Jedenfalls nichts, was wir nicht schon vorher hätten wissen sollen: Hitler war ein Mensch, und es ist schädlich, ihn zu einem Mythos zu machen. Er ist nicht das personifizierte Böse. Er war ein böser Mensch. Und wenn wir ihn entmenschlichen, werden wir die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs nie ganz verstehen – sofern sie denn überhaupt verstehbar ist. Das ist eine wichtige Botschaft, die der Film allerdings etwas ungelenk und simpel vermittelt. Swastika sollte aber nicht auf diese eine These reduziert werden. Der Film zeigt mehr, als er sagt. Bemerkenswert ist das Zusammenspiel von Bild und Ton, mit dem Philippe Mora zuweilen ein grosses Wagnis eingeht. Das Liebeslied What Wouldn’t I Do for That Man charakterisiert nicht nur die Beziehung zwischen Eva Braun und Adolf Hitler, sondern auch den Hitler-Kult der Deutschen. Das schafft eine überaus ironische Zweideutigkeit. Geradezu zynisch ist die Verwendung des satirischen Songs Don’t Let’s Be Beastly To The Germans von Noël Coward. Er wird im Abspann gespielt, direkt nach aufwühlenden Bildern der Massenvernichtung.

Swastika ist ein mutiger, (beinahe) konsequent undidaktischer Film. Er lässt die Propaganda der Nazis für sich selbst sprechen, kommentiert nicht sprachlich, sondern stilistisch. Das ist manchmal verstörend effektiv, manchmal holprig. Immerhin zeigt Philippe Mora eindrücklich, wie man durch das gezielte Zusammenschneiden von „Found Footage“ eine spezifische Atmosphäre schaffen kann. Mittlerweile ist Swastika weniger ein geschichtswissenschaftlicher Film, als selbst schon ein Teil der (Dokumentar-)Filmgeschichte.

7/10

[1] vgl. SWASTIKA Revisited – Die Filmemacher im Gespräch. Auf der DVD Swastika von absolut Medien, 2010.

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