The Woman in Black (2012)

Sympathische Geisterbahn für Horror-Nostalgiker

Armer Arthur Kipps. Der alleinerziehende Vater wird von seiner Anwaltskanzlei in die Pampa geschickt, um dort einen mühseligen Auftrag zu erledigen. Die Papiere der verstorbenen Alice Drablow müssen gesichtet werden. Kipps wird angedroht, dass dies seine letzte Chance sei: Erfolg oder Entlassung. So muss er seinen Sohn in London zurücklassen, in das abgeschiedene Dorf Crythin Gifford reisen, sich dort mit den übellaunigen Bewohnern herumschlagen und in einem klassischen Gruselhaus namens Eel Marsh Akten wälzen. Da kann bestimmt nichts schief gehen. Nur’n Scherz: Natürlich geht alles ganz gründlich schief. Im Dorf sterben plötzlich Kinder unter mysteriösen Umständen, und Kipps scheint von einer Frau in Schwarz verfolgt zu werden. Was steckt dahinter? Verschwörung oder waschechter Fluch? Kipps nimmt all seinen Mut zusammen, um der Sache auf den Grund zu gehen …

The Woman in Black beginnt mit einer Irritation. „Ist das Daniel Radcliffe alias Harry Potter, der da den jungen Vater gibt?“, fragt man sich. Ja, er ist es tatsächlich. Und leider tut er sich schwer, wirklich in die Rolle zu finden. Sein Arthur Kipps bleibt blass, was auch am Drehbuch liegen mag, das unserem Protagonisten kaum Ecken und Kanten gibt. Er ist halt der Typ, der das verfluchte Haus untersuchen muss. Und das genügt auch. Denn Eel Marsh ist ein echtes Prachtexemplar unter den Gespensterhäusern. Es ist alt, zwielichtig und geheimnisvoll.

Der Regisseur James Watkins (Eden Lake 2008) zieht alle Register des wohligen Grusels. Die Einleitung ist klassisch: Ein Fremdling muss sich mit abweisenden und scheinbar abergläubischen Dorfbewohnern arrangieren, bis er schliesslich das Haus betreten darf. Dieses liegt abgeschieden auf einem Moor, das nachts von der Flut überschwemmt wird. Im Haus wird’s ernst: Hier jagt Watkins seinen Protagonisten von einem Jumpscare zum nächsten, fast wie in einer Geisterbahn auf dem Jahrmarkt. Das vermag zu unterhalten, denn die Schockmomente sind gekonnt gesetzt. Dazwischen gibt es immer wieder langsamere Passagen, in denen Kipps dem Mysterium auf die Schliche kommt. Auch der subtile Horror kommt nicht zu kurz; die titelgebende Frau in Schwarz schleicht Schritt für Schritt in den Fokus des Filmes. Wenn die ersten, etwas zähen dreissig Minuten überwunden sind, wird die Dramaturgie knackig und effektiv.

Visuell bietet uns The Woman in Black einige Leckerbissen. Die weitläufigen Aufnahmen übers Moor sind phänomenal, und das Geisterhaus wunderbar atmosphärisch. Wer endlich mal wieder einen stilvollen Geisterfilm schauen will, dürfte mit diesem hier bestens bedient sein. Genrefans werden aber bald feststellen, dass Watkins munter jedes erdenkbare Horror-Klischee abgrast: leblose Puppen, wippende Schaukelstühle, knarrende Türen, diffuse Schatten; die Liste ist endlos. Das hieraus gefertigte Gänsehaut-Patchwork ist zwar mitreissend, aber nur wenig originell. Irgendwie und irgendwo hat man das alles schon gesehen. Dass Anwalt Kipps nicht die charismatischste und tiefgründigste Figur ist, kommt erschwerend hinzu.

Und doch: Es ist erfrischend zu sehen, dass ein traditioneller Grusler – noch dazu von der legendären Produktionsfirma Hammer (The Curse of Frankenstein 1957, Dracula 1958 und The Mummy 1959) – auch heute noch gut funktionieren kann. So kann man sich denn auch mit den zahlreichen Klischees versöhnen: Sie machen den Film sympathisch rückwärtsgewandt, zumal sie nett zusammen geschustert sind. The Woman in Black ist ein ungeschickter, aber charismatischer Liebesbrief an Horror-NostalgikerInnen: Er verfolgt moderne Ansätze, bleibt im Kern aber konservativ. Das wird niemanden umhauen. Aber für eine Sichtung am heimischen Bildschirm reicht’s – am besten dann, wenn’s draussen ordentlich stürmt.

7/10

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