Dementia (1955)

Eine Frau dreht durch – und wir mit ihr

Eine junge Frau (Adrienne Barrett) wacht des Abends in einem Hotelzimmer auf. Sie steckt ein Klappmesser ein und macht sich auf in die Stadt. Dort gabelt ein Zuhälter sie auf und vermittelt sie an einen reichen Mann (Bruno VeSota). Die beiden verbringen die Nacht miteinander. Der dicke Reiche ahnt nicht, in welche Gefahr er sich begeben hat …

Dementia von John Parker ist ein beeindruckendes Kuriosum aus den 1950er-Jahren; ein Vorreiter des modernen psychologischen Horrors. Der knapp einstündige Film kommt in zwei Versionen. Das Original verzichtet auf jeglichen Dialog, stützt sich allein auf Geräusche und Musik. Produzent Jack H. Harris bekam den Film in die Finger und überarbeitete ihn, wohl um ihn besser vermarkten zu können. Harris ergänzte das vorhandene Material mit einem Voice-over von Ed McMahon. Diese Verschandelung ist bekannt als Daughter of Horror. Wer immer sich für Parkers Werk interessiert, tue sich bitte einen Gefallen: einen grossen Bogen um Daughter of Horror machen und direkt zum Original Dementia greifen!

McMahons Narration ist grauenhaft. Sie verwandelt einen Kunstfilm der Extraklasse in Trash erster Güte. Offenbar fürchtete Harris, dass das Publikum Dementia in seiner Rohform nicht verstehen würde. So überhäufte er den Film mit platten, gänzlich unnötigen Erklärungen. Als wäre das nicht schlimm genug, packte McMahon eine lachhaft reisserische Stimme aus, die den Anschein erweckt, als wolle man die Zuschauer für dumm verkaufen. Daughter of Horror taugt allenfalls als Beispiel dafür, wie man mit einem scheinbar kleinen Eingriff einen ganzen Film ruinieren kann.

Doch genug von Harris’ Weichspül-Variante. Parkers Original Dementia ist ein fesselndes Erlebnis, das den Wahnsinn einer einsamen Frau allein durch symbolische Bildsprache einzufangen versucht. Parker konfrontiert das Publikum direkt mit den albtraumhaften Visionen der Protagonistin. Herausgekommen sind verstörende Bilder. Einmal sehen wir die Frau, wie sie am Meer spaziert, bis Wellen sie verschlingen. Oder wir verfolgen die traumatischen Erlebnisse ihrer Kindheit. Diese Erinnerungen spielen sich in einem surrealen Setting ab. Parker stellte kurzerhand Möbel in ein Friedhof-Set. Das gibt dem Film einen artifiziellen Theater-Touch, der etwa an Lars von Triers Dogville (2003) erinnert.

Subtext von Dementia ist einerseits das Trauma, andererseits die Geschlechterrolle der Protagonistin. Von beidem versucht sich die Wahnsinnige zu lösen – vergeblich. Manchmal wünschte man sich, die Symbole wären nicht ganz so offensichtlich. Dennoch sticht Parker viele moderne Vertreter des Psychohorrors aus. Obwohl Parker offenbar auf Kunst aus ist, steht ihm ein limitiertes Budget im Wege, das ihn immer wieder in B-Movie-Gefilde zurückholt. Trotzdem überschattet die Vision alle technischen und finanziellen Einschränkungen.

Dementia wartet mit stilvollen und mitunter spektakulären Einstellungen auf. Besonders die Szene, in der die Polizei die Wahnsinnige verfolgt, ist ein Augenschmaus; das irr herumhüpfende Schlaglicht schafft eine wunderbar panische Atmosphäre. Dann gibt es die abstossende Sequenz, in der der Reiche im extremen Close-up ein Hühnchen verschlingt. Igitt! Gleich im Anschluss pafft der Fettleibige Rauch vor die Protagonistin, die im Hintergrund lasziv in einem Barhocker sitzt. Dann plötzlich: Perspektivenverschiebung, und die Frau spritzt geräuschvoll ein Getränk in ein Glas – dieses Mal ist der Mann im Hintergrund. Da sind Parker einige grandiose Kniffe gelungen.

Höhepunkt ist das Ende, bei dem ein Jazz-Stück völlig ausartet und die Antiheldin mit ihrer eigenen Schuld konfrontiert wird. Fantastisch! Allein das Finale zeichnet Dementia als einen Klassiker des Horrorgenres aus. Hinzu kommt die beunruhigende Filmmusik des Avantgarde-Komponisten George Antheil, unterstützt von Marni Nixons gespenstischer Sopranstimme. Die sonst unbekannte Schauspielerin Adrienne Barrett war eine gute Wahl als verstörte Frau. Ihr Grinsen ist ambivalent und beunruhigend. Bruno VeSota gibt einen passend perversen Bösewicht.

Dementia ist ein bemerkenswerter Vertreter des Psychohorrors. Der Film ist ein oft virtuoser, manchmal schmuddeliger Einblick in die Psyche einer gestörten Frau. Ein ungeschliffener Diamant der Horrorgeschichte.

Dementia: 8/10
Daughter of Horror: 4/10

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