Mortal Engines (2018)

Gestresstes Steampunk-Spektakel 

Nachdem sich die Menschen im so genannten 60-Minuten-Krieg beinahe selbst ausgerottet haben, ziehen riesige Städte wie Raubtiere über die Erde, um kleinere Dörfer zu verschlingen und sich einzuverleiben. Tom Natsworthy (Robert Sheehan) lebt in London, einer dieser Raubstädte. Als Historiker versucht er, die Spuren der untergegangenen Zivilisation aufzudecken. Eines Tages trifft ein mysteriöses Mädchen namens Hester Shaw (Hera Hilmar) in London ein. Sie versucht, Toms Vorgesetzten Thaddeus Valentine (Hugo Weaving) mit einem Messerstich zu töten. Tom rettet Valentine. Ein grosser Fehler. Denn Valentine führt Übles im Schilde: So müssen sowohl Hester als auch Tom aus London flüchten. Sie streifen durch das Ödland, schliessen sich Widerständlern an und versuchen, Valentines Pläne zu durchkreuzen.

Raubstädte, die gegeneinander antreten – das klingt selten dämlich, aber auch selten genial! Freunde des Steampunks dürfen ob der Ästhetik von Mortal Engines (2018) frohlocken. Was Regisseur Christian Rivers und Produzent Peter Jackson hier visuell bieten, ist allererste Sahne. Riesige Blech- und Naturlandschaften in satten Farben warten auf die Zuschauer. Daran kann man sich kaum sattsehen, ebensowenig wie an den schmucken Action-Szenen, die mit gehörig Wumms inszeniert und orchestriert werden.

Mit diesem Effekt-Feuerwerk kann die Story leider nicht mithalten. Die erste halbe Stunde wirkt bereits wie ein vorgezogenes Finale. Wenn Tom und Hester im Ödland landen, scheint die Luft bereits draussen zu sein. Eine wortwörtliche Durststrecke beginnt. Schon hier ahnt man die »Pointe« der Geschichte, die diesen Namen kaum verdient hat. Sheehan als unbeholfener Wissenschaftler und Hilmar als mysteriöse Rothaarige geben ein süsses Paar ab; nett, aber nur mässig spannend. Hugo Weaving zieht konstant grimmige Gesichter, was seinen Charakter nur geringfügig tiefgründiger macht.

Das Drehbuch ist von A bis Z durchschaubar. Und doch: Es hält bei Stange. Da ist etwas, das trotz Schema F fesselt. Ein Gefühl von Abenteuer, eine fast jugendliche Unbekümmertheit in der Erzählweise, eine comichafte Freude an der protzigen Geste. Mortal Engines ist grosses Unterhaltungskino mit Macken. Die Story krankt daran, dass viele Charaktere unterentwickelt sind. Katherine Valentine (Leila George) etwa ist nicht viel mehr als das schlechte Gewissen ihres Vaters, und Anna Fang (Jihae Kim) schlicht ein cooler Badass. Das funktioniert irgendwie, das Herz der Figuren scheint am rechten Fleck zu sein, aber ihre Seele fehlt.

Star der Geschichte ist ironischerweise der seelenlose Cyborg Shrike (Stephen Lang), der Hester aufgezogen hat und sie nun aus irgend einem Grunde töten will. Eine wunderbar tragische Gestalt, der man ruhig noch etwas mehr Zeit hätte einräumen können. Überhaupt scheint Mortal Engines gerade dies kaum zu haben: Zeit. Philip Reeves Romanuniversum wird hier viel zu üppig ausgebreitet für nur einen Film. In den 686 Minuten der Filmtrilogie Lord of the Rings (2001-2003) geht das noch an, für 128 Minuten schwingt Rivers gar ausladend mit der Inszenierungskelle.

Am Schluss verkommt die Geschichte zu einem einfachen Fetch-Quest, doch immerhin dürfen wir uns an einem soliden Luftkampf ergötzen. Immer wieder ertappt man sich beim Gedanken: »Hach, es schaut ja alles so hübsch aus!« Und ehe man sich’s versieht, sind zwei unterhaltsame Stunden rum. Wenn man den Film als das nimmt, was er sein will – nämlich flotte Steampunk-Action – ist er ganz ordentlich. Und doch: Was ein künstlerischer Befreiungsschlag für Peter Jackson und Konsorten hätte sein können, ist letztlich eine ernüchternd fade und unoriginelle Angelegenheit. Ein (finanzieller) Flop, der nicht nur den Machern, sondern auch den Kinofans weh tut.

6/10

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